Leben im Camper
Abseits der ausgetretenen Pfade – Das Paradies liegt Irgendwo im Nirgendwo
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Jumpino on Tour # 9 – Extremadura/Spanien - April 2025
Abseits der ausgetretenen Pfade – Das Paradies liegt Irgendwo im Nirgendwo
38 Stunden schaukeln
Die Fähre von Teneriffa nach Huelva in Spanien wird um 02:30 Uhr nachts ablegen. Ich fahr schon 4 Stunden vorher zum Terminal in der Hoffnung schon sehr früh an Bord zu kommen und dass so ein bisschen mehr Nacht zum Schlafen bleibt. Ein Pickup-Wohnmobil mit Anhänger aus Landshut ist auch bereits da. Wir sind die ersten und unterhalten uns ein wenig und sind etwas verwundert dass am Steg statt der großen Fähre der kleine Inselkatamaran liegt. Da kommen 2 spanische PKWs und fragen uns ob es hier nach Huelva geht. Wir werfen unsere mageren Spanischbrocken zusammen und erklären das das zwar nicht die richtige Fähre ist aber der Fred Olson Terminal, also der Richtige sein müsste. Die Spanier warten wie wir, gehen dann zur kleinen Fähre, kommen zurück, steigen in ihre Autos und fahren wortlos weg. Weitere Fahrzeuge kommen, gehen zur Fähre, fahren weg - seltsam noch sind 3 Stunden vor Abfahrt. Ein belgischer Camper kommt, geht zur Fähre und als sie zurückkommen frage ich sie wohin sie fahren und was das Fährpersonal gesagt hat.
„Wir stehen am falschen Terminal“! - aber niemand fand es für nötig es uns und den anderen Wartenden mitzuteilen. Ich klopfe bei Florian, dem Landshuter, und den 3 anderen Fahrzeugen die inzwischen warten und wir wechseln. Dort sind wir fast die Ersten. Während des Wartens beobachte ich wie LKW Auflieger ohne Zugfahrzeuge aufs Schiff geladen werden, wie fleißige Ameisen sausen die 3 Schleppfahrzeuge hin und her und verladen in ca 3 Std mindestens 50 Auflieger.
Es sind nur noch 20 Min bis Abfahrt, es scheint man hat uns vergessen. Aber dann endlich sind auch wir 6 Übriggebliebenen dran. Zwischen Deck 3 und 4 stehen wir nun auf der Rampe steil bergab. Klötzerl werden untergeschoben und dann rauf aufs Passagierdeck und hoffentlich noch einen Platz für die Nacht finden, es ist bereits 02:15
Ich habe Glück und finde noch ein Eck am Treppenaufgang Deck 7 den kaum jemand benützt und schlage dort mein Lager auf. Selbstaufblasende Matte, Kissen, Decke, Wasser und Proviant für die Überfahrt, alles findet hier seinen Platz ohne jemand im Weg zu sein. Eigentlich ganz gemütlich und bedeutend besser als die Schlafsessel.
Es wird eine sehr schaukelige Überfahrt. Wind 6 bis 7 Bft gegenan. Draußen ist es ungemütlich kalt und so viel Wind dass es einen fast umbläst. Die wenigen die drinnen ihre Kabine oder Sitzplatz verlassen, weil sie mal zur Toilette müssen, torkeln herum wie Betrunkene. Ich bin den ganzen Tag müde, von der viel zu kurzen vergangenen Nacht und der Schauklerei. In meiner gemütlichen Nische verschlafe ich fast den ganzen Tag. Die 2. Nacht schlaf ich auch ziemlich gut und gegen Mittag wird der Wind endlich schwächer, das Meer ruhiger und die Überfahrt angenehmer. Jetzt sieht man Menschen Sonne tanken, die vorher leidend in ihren Kabinen verbracht haben. Liegen werden aufgestellt, Tische und Stühle belagert, es kommt Leben auf. Und dann kommt auch schon Huelva in Sicht.
Huelva, ein Städtchen mit Atmosphäre
Es ist bereits 18:00 Uhr als der Jumpino in Huelva als einer der ersten von der Fähre rollt und wenig später hab ich auch schon ein geeignetes Plätzchen gefunden. Wir parken bei vielen Blüten, am neuen Stadion das eher verlassen aussieht und direkt neben der palmenbestandenen Promenade liegt, die ich gleich noch 2 km entlang spaziere. Und dann eine super ruhige Nacht im eigenen Bett - ahhh ist das gut!
Morgens scheint die Sonne, es ist ganz still hier und ich bin richtig zufrieden mit meiner Platzwahl. Eine riesige bunte Blumenwiese trennt uns von der Stadt. Vom ungenutzten Stadion führt ein Rad und Fußweg ins Zentrum der von einigen Joggern oder Gassigehern mit ihren Hunden genutzt wird. In 5 Min zu Fuß ist man im Zentrum. 50 m zur anderen Seite befindet sich eine 3 km lange sehr schön angelegte Promenade am Fluss Odiel entlang mit tollen Sonnenuntergangsplätzen.
Auf meinem Platz wird es ganz ruhig nachdem die Spaziergänger und die verschmusten Teenager, die sich auf den Stadiontreppen treffen, nach Hause gegangen sind.
Heut muss ich meinen Proviant auffüllen, also auf zum Mercado Municipal der um 15:00 schließt.
Das ist ein wunderschöner, riesiger Markt voller Leben mit Straßenmusikern, Cafés, und die auf dem Markt käuflichen Waren wie Fisch, Wein, Schinken Käse, Oliven können dort an kleinen Tischchen direkt verzehrt werden. Dazwischen all die, die Gemüse Obst Fisch Fleisch ... an den zahlreichen Ständen kaufen. Eine wunderschöne lebhafte Atmosphäre wie man sie nur auf den Märkten des Südens findet. Ich liebe das und bleibe bis der Markt schließt. Das war nicht schwer, denn nachdem ich den Vormittag wieder vertrödelt hatte kam ich eh erst kurz vor Schluss hier an.
Schnell meine Einkäufe heimtragen und dann zum Stadtbummel durch Huelvas Straßen.
Huelva ist keine Stadt in die man als Tourist extra kommen würde, außer man muss zur Fähre auf die Kanaren. Trotzdem ist sie sehr schön, voller spanischen Leben und guter Atmosphäre. Ich fühl mich richtig wohl hier. Die Straßen sind meist zu schmal für Autos (es gibt keine Parkplätze) und sind daher nur für Anwohner oder gar nicht befahrbar. Cafés und Restaurants unter großen weißen Sonnenschirmen säumen die Straßen.
Die Casa Colon öffnet gerade ihre Pforten als ich vor ihr stehe und ich bewundere die schönen Gebäude den Innenhof mit Springbrunnen, Palmen, Rosen ... und ruh mich ein wenig auf einem Bankerl im Schatten aus. Der Eintritt ist frei. Viele Schautafeln erklären die Geschichte. Sie wurde gebaut als Hotel um den Arbeitern der Minen am Rio Tinto (der hier mündet) eine Unterkunft zu bieten. Das Hotel ist einzigartig, denn es hatte bereits in jedem Zimmer Toiletten und Bäder mit fließendem Wasser was es sonst in der gesamten Stadt Huelva noch nicht gab. Das Gebäude hat eigentlich gar nichts mit Christoph Kolumbus zu tun, wurde aber zu Ehren des 400. Jahrestages nach ihm benannt.
Hübsche Häuser, manche mit bunten Fliesen bis unters Dach, lassen mich immer wieder innehalten um sie zu bewundern. Ich finde die Stadt schön, aber sie hat halt keine Highlights um Touristen hier her zu locken. Wahrscheinlich mag ich sie genau deshalb.
Auf dem Rückweg kann ich noch Sonnenuntergang gucken an der Promenade. Ein schöner erster Tag am Festland geht zu Ende.
Von wegen ruhig und verlassen ...
Weil mein Plätzchen so schön ruhig ist, ich mich in der Stadt wohlfühle und das Wetter wechselhaft ist, hab ich beschlossen noch einen Tag hier zu bleiben.
Inzwischen ist es Ostersonntag, Nachmittag, und weiß-blau gestreifte Menschenmassen wandern über die weitläufige Blumenwiese, die uns von der Stadt trennt, auf uns zu.
Hab ich heute Morgen noch geglaubt dass das Stadion vor dem ich parke nicht mehr genutzt wird, da bereits Gras auf den Treppen wächst, habe ich mich aber ordentlich getäuscht.
Der sandige, teils mit Gras und schönen Frühlingblumen bewachsene, verwilderte Parkplatz füllt sich und die breite Treppe hinter mir, die zum Stadioneingang hinaufführt, auch. Oma, Opa, Mama, Papa Kind, alles was noch irgendwie laufen kann strömt ins Stadion. Und wer noch nicht, oder nicht mehr laufen kann, wird hochgetragen. Zahlreiche Kinderwägen werden die vielen Stufen hochgehievt. Ich hab noch nie so viele Kleinkinder bei einem Fußballspiel gesehen. Aha, es spielt Huelva gegen Real Madrid.
Erstaunlich wie ruhig und entspannt das hier abgeht, ungewöhnlich für die sonst so temperamentvollen Spanier. Kein Polizei- oder Security Aufgebot, keine Betrunkenen oder grölenden Fans. Bei uns sind sie schon 200 km vom Stadion entfernt besoffen, grölen und pöbeln.
Trotzdem fürchte ich, mit der Ruhe ist's also erstmal vorbei und zum Flüchten zu spät.
Na ja, in 3 Stunden kehrt hier sicher wieder Ruhe ein und solange wandere ich den Fluss entlang.
Ich höre nur gemäßigte spanische Musik vom Stadion herüber, keine Fanparolen oder Gegröle. Die Leute verfolgen es mucksmäuschenstill. Nur wenn ein Tor fällt geht ein Raunen durch die Mengen. Madrid hat gewonnen 1:4 . Und es ist ganz still, das Stadion und der Parkplatz wieder leer - ich kann's gar nicht glauben.
Ostermontag ist hier wieder ein ganz normaler Tag und ich gehe zum Frühstücken auf den Markt. Ein Markt ist hier nicht nur eine Ansammlung von Ständen an denen man einkauft, nein es ist ein geselliges Event, mit all den Cafés und Imbissständen. Ich kauf mir ein Bocadillo con Chocos y Aioli –etwas ungewöhnlich zum Frühstück - ein Tintenfisch Sandwich mit Knoblauchmayonaise zu essen, aber richtig gut und genieße das bunte Treiben um mich herum. Dann noch die restlichen Einkäufe erledigen und nach Hause zum Jumpino. Denn heute machen wir uns wieder auf den Weg.
Entlang dem Rio Tinto
Ich will dem Rio Tinto bis zur Quelle folgen, der hier bei Huelva in den Rio Odiel und damit auch gleich ins Meer mündet. Aber hier ist er gar nicht „tinto“ sondern blau wie das Meer. Ich halte in Rabida weil ich dort ein Amphitheater und einen seltsamen Turm entdecke. Ein schön angelegter Park rund ums Kloster und eine Palmenallee führt zum Turm. Unten am Fluss könnte man die 3 Caraballes bestaunen (drei alte Karavellen, Nachbauten der Kolumbusschiffe) aber da ist heute geschlossen. Das Gelände rundherum ist wunderschön. Schilflandschaft, verwunschene Altwasser, sehr entspannend und das frühlingshafte Grün leuchtet förmlich.
Für die Nacht hab ich mir Niebla ausgesucht, eine maurische Stadt, umgeben von einer Mauer mit 50 Türmen und 5 Toren, alles noch intakt. Auf dem Weg, zum per google ausgesuchten Parkplatz, biege ich vorher spontan rechts ab, weiß nicht warum, aber es war eine gute Idee, denn hier zwischen Stadtmauern und Rio Tinto finde ich einen idealen Platz für die Nacht. Nur ein paar Schritte entfernt liegt eine alte begehbare Eisenbahnbrücke über den Rio Tinto, und da wandere ich jetzt mal hin. Hier ist der Fluss schon bedeutend farbenfroher, gelb, grün, blau, bräunlich, plätschert er zwischen zahlreichen Felsen durch die Auwälder. Schön hier spazieren zu gehen.
Die Nacht wäre eigentlich sehr ruhig und angenehm gewesen, fast kein Verkehr hier, wäre da nicht ein Hund in der Nachbarschaft, der wenn er nicht gerade schläft unaufhörlich kläfft. Bis spät abends geht das so und ab dem frühen Morgen wieder. Irgendwann hör ich ihn schon gar nicht mehr. Sitz auf dem Steinbankerl vorm Jumpino in der Morgensonne, trink meinen Kaffee und dann geht’s durchs 100 m entfernte Stadttor auf Erkundungstour.
Niebla‘s Stadtmauer ähnelt sehr der von Marrakesch, ist ebenso maurisch nur dass die Mauer eine tieferes Rot hat. Innerhalb der Mauern befindet sich die Altstadt, mit verkehrsberuhigten schmalen Sträßchen durch die der Jumpino teilweise gar nicht passen würde. Eine eigenartig maurische Kirche dominiert den Hauptplatz. Sie sieht schon fast wie eine Festung aus und hinter den maurischen Toren befinden sich schöne Innenhöfe mit Arkaden. Die Casa Cultura ist wieder eher im Stil spanischer Kirchen und heute findet gerade eine Vernissage statt, sodass man ohne Eintritt zu zahlen hinein kann. Das Castillo, eine imposante Festung, könnte man besichtigen, aber mir genügt es von außen. Besonders imposant wirkt die Festung und die Stadtmauer im Abendlicht, da leuchtet sie rotgolden.
Unterhalb der Stadtmauern führt ein herrlich schattiger Weg am wild überwucherten Rio Tinto entlang. Ein Gezwitscher und Gezirpe ist das hier und der hier gelbgrüne Rio sieht direkt giftig aus. Es ist traumhaft schön, nur der Fabriklärm stört. Am Rio Tinto wird Eisenerz, Aluminium und Kupfer abgebaut.
Der Weg führt weiter zu einer ebenfalls maurischen Steinbrücke hinter der sich ein zwar breiter aber nicht hoher Wasserfall befindet. Ich klettere hinunter an die Ufer des Rio Tinto und bestaune die Farben des Wassers, grün, rot und gelb.
Der nächste Tag sollte eigentlich weiter am Rio Tinto entlangführen, ABER …
Das Paradies liegt Irgendwo im Nirgendwo
Und da bin ich jetzt. Der Herr, der heute Morgen kurz an meinem einsamen Platz anhielt, ausstieg und nach einem ersten Rundumblick sagte „Es un Paraiso“ hätte diesen Ort nicht besser beschreiben können. Es ist wahrhaftig ein Paradies, der Platz an dem ich gestern Nachmittag gelandet bin. Ich hab mich einfach treiben lassen, bin eine unbedeutende Nebenstraße gefahren und dann abgebogen auf eine Sandstraße. Nach 1 km durch einen Pinienwald, dessen Boden mit gelben Blüten überzogen ist, kam ich an einen kleinen blauen See mit Picknicktischen und Grillplätzen. Nur ein Auto stand dort und eine Gruppe junger Leute saß an einem Picknicktisch. Sie winkten mir fröhlich zu und als ich den Jumpino geparkt hatte, riefen sie herüber: „Hola, queres Café? (Hallo möchtest Du einen Kaffee?) und schon saß ich dort bei Kaffee und Kuchen und fröhlichem Geplauder in einem Mix aus Spanisch und Englisch. Und nachdem sie abgefahren waren, habe ich den See und den Platz ganz alleine für mich.
Ich wandere rund um den See, bestaune die Blütenteppiche die Wiesen und Waldboden gelb und weiß überziehen und lausche dem Wind in den Bäumen. Die Vögel pfeifen, Frösche quaken, die Pinien spiegeln sich im Wasser als zum Sonnenuntergang der Wind aufhört. Was für ein Platz!
Erwachen im Paradies: Sonnenschein, Vogelgezwitscher, das Rauschen des Windes, der Stimme der Natur lauschen. Kaffee trinken in der wärmenden Morgensonne, den Blick über den stillen See schweifen lassen. Hängematte aufgehängt, Haare gewaschen, Wäsche gewaschen und aufgehängt und jetzt faul in der Hängematte schaukelnd.
Die Wäsche ist bereits getrocknet und der Wind schaukelt mich in meiner Hängematte sanft in den Schlaf bis ich das Knirschen des Sandes unter Autoreifen höre. Ein Camper (Jumpinogröße und Bauart) nähert sich langsam und sucht sich in meiner Nähe ein Plätzchen. Ein junger Spanier kommt kurz zur Begrüßung rüber und bietet mir an sein Internet zu benutzen, da es hier kein Signal gibt. Das ist nett, aber wer braucht schon Internet an einem Platz wie diesem. Und dann sitzt auch er ganz still vor seinem Bus in der Sonne und genießt die Stille hier. Wäre da nicht sein Camper würde ich gar nicht bemerken dass ich nicht mehr alleine hier bin, so unauffällig verhält er sich.
Vertrieben aus dem Paradies
Nach einem faulen Nachmittag in der Hängematte und einer leckeren Paella zum Abendessen entschließe ich mich noch zu einem Abendspaziergang am See entlang. Vom Hügel unweit des Jumpino schaue ich über den See zu den weißgelben Wiesen in denen sich etwas bewegt. Nachdem ich von meinem einzigen Nachbarn nichts gehört und gesehen habe, nehme ich erstmal an, dass er das ist. Aber nein, das bewegt sich ja ganz anders als ein Mensch und es ist weiß. Es ist zu weit entfernt um es wirklich zu erkennen aber es bewegt sich wie ein Tier auf 4 Beinen und ist groß wie ein Pony. Ja das könnte es sein, ein weißes Pony. Aber was macht das hier ganz allein? Und es bewegt sich ziemlich zielstrebig und untypisch für ein Pferd. Ich hol besser mal das Fernglas. Als ich wieder auf dem Hügel stehe, jetzt mit Fernglas und die Gegend absuche kann ich nichts mehr finden. Erst als ich das Fernglas senke sehe ich dass das Weiße Etwas schon auf halbem Weg zu mir ist. Huch! Gleich die Flucht ergreifen? Oder erst nochmal gucken? Schnell nochmal das Fernglas hoch und – oh weh, das ist ein riesiger Hund. Fast so groß wie ein Pony, sehr kräftig und er wandert direkt in meine Richtung. Also schnell nach Hause, alle Türen und Fenster zu und abwarten. Er ist echt ein Monster, scheint Hunger zu haben und niemand zu gehören. Er sucht alle Grill- und Sitzplätze nach Fressbarem ab, findet hier und da ein paar vergammelte Essensreste die er verspeist. Ich verriegle vorsichtshalber auch das Fenster denn jetzt schleicht er bereits um meines Nachbarn Camper und jetzt um den Jumpino, meinen Picknicktisch und ich beobachte gespannt was er so macht. Nach einer Stunde hab ich ihn aus den Augen verloren, was nicht heißt dass er tatsächlich fort ist. Ich trau mich auf jeden Fall nicht mehr raus. Er trug kein Halsband und auch keinerlei Markierung die ihn zu jemand zugehörig kennzeichnet. Er sah aber auch nicht verwahrlost aus und schien friedlich zu sein. Trotzdem! Mein Paradies ist jetzt gar nicht mehr so paradiesisch. Diese Nacht werde ich nicht mehr rausgehen und alles geschlossen halten. Und ob ich morgen draußen frühstücke? Kommt drauf an wie stark meine Nerven sind. Ich fühl mich vertrieben aus dem Paradies. Bei Eva war‘s die Schlange, bei mir ein Hund. Schade, denn ich hätte es schon noch einen Tag in der Hängematte ausgehalten - aber nicht mit dem Wissen dass der Monsterhund jeden Moment ums Eck schleicht.
Der Morgen am See ist wieder traumhaft schön und ich sitz wieder in der Sonne am Picknicktisch mit Kaffee und Müsli, nicht so entspannt wie gestern, dafür den weitläufigen Platz stets im Blick wegen dem Monsterhund. Die friedliche Stille hat mich bald wieder komplett umfangen und ich denk gar nicht mehr an ihn und hab es auch nicht mehr eilig weiter zu ziehen.
Am frühen Nachmittag ist der Monsterhund zurück, diesmal mit Verstärkung! Er hat 3 weitere Hunde mitgebracht, dazu 2 Esel, 6 Ziegen und ca. 100 Schafe. Und die fressen jetzt meine schönen Blumen.
Der zugehörige Schäfer lässt sich lange nicht blicken, bis er dann „hoch zu Esel“ auftaucht und seine Herde ein Stück näher treibt. Die Esel stillen ihren Durst am See, die Schafe umringen den Jumpino und mähen die Wiese samt Blumen. Der Monsterhund entpuppt sich als Mastiff mit ca 85 cm Wristhöhe und 100 kg und als der gutmütige, freiheitsliebende, pensionierte Hund des Schäfers. Die Arbeit machen inzwischen die anderen 3 Hunde und die Esel. Der Anblick der Tiere und das Gebimmel der Schafglocken verleihen dem Ort so viel Entspannung und Ruhe. Ich bleibe – es ist so unbeschreiblich friedlich jetzt, und außer den vielen tierischen Nachbarn habe ich immer noch, nur einen einzigen menschlichen Nachbarn, den jungen Spanier.
Auf der Suche nach den Quellen
Ich habe das Paradies verlassen. Warum eigentlich? Keine Ahnung, ich rede mir ein ich brauche Trinkwasser und glaube es gibt noch mehrere Paradiese hier. Ich fahre wieder durch Pinienwälder, blühende Wiesen und halte Ausschau nach einer Quelle zum Trinkwasser auffüllen. Da ist sie, nur wenige Meter von der wenig befahrenen Straße entfernt. Wie ein Atrium ist sie ummauert und aus 3 in die Mauer integrierten Wasserrohren plätschert munter bestes Trinkwasser. Sogar ein Schild weist es als Trinkwasser aus. Ein Probeschluck – Ja! Schmeckt frisch ohne Beigeschmack, obwohl es eine leicht gelbliche Färbung hat. Ich fülle meine Kanister auf und setze meinen Weg fort. Ich will heute noch den Ursprung (die Quelle) des Rio Tinto finden. Irgendwo hier muss sie sein. Ich parke den Jumpino am Straßenrand und wandere zwischen hohen Felswänden, buntem Geröll, Ginster, Heidekraut und wilden Buschrosen umher auf der Suche nach einem geeigneten Platz für die Nacht. Und da ist er dann, ein kleiner verlassener geteerter Platz, 20 m oberhalb der Quelle – und außer mir niemand hier. Der Blick über die bewaldeten Hügel ist schön und jetzt geh ich ihn suchen – den Ursprung des bunten Wassers von dem der Rio Tinto seinen Namen hat.
Nacimiento del Rio Tinto
(Geburtsort des Rio Tinto)
Der Anblick ist überwältigend, in kleinen Becken sammelt sich knallgelbes und tiefrotes Wasser und plätschert in kleinen Wasserfällen ins nächste, bis es unter der Straße verschwindet. Ein Blick auf die andere Seite wo sich die Quelle jetzt bereits als kleiner Bach fortsetzt ist noch atemberaubender. Wie eine Farbpalette, gekleckselt in gelb, rot, orange und blau, windet sich der kleine Bach zwischen grünen Hügeln. Ich bin fasziniert. Und das Beste daran, es ist nicht touristisch erschlossen. Nur eine unscheinbare Tafel am Wegesrand erklärt dass die NASA diesen Ort als einzigartig auf der Welt erklärt hat, weil diese Formen und Bedingungen des Ursprungs sowie dessen Farben nur mit denen auf dem Mars vergleichbar sind.
Seit Stunden habe ich keine Menschenseele und kein Auto hier gesehen. Das ist verwunderlich für einen so einzigartigen Ort und weil die direkt daran vorbeiführende Straße zu einem Interpretationszentrum über den Bergbau führt. Dieses liegt an einer frei zugänglichen bereits stillgelegten Mine. Hier wurde Eisenerz, Aluminium und Kupfer abgebaut. Nur wenige Kilometer weiter, im Ort Rio Tinto, treten sich die Touristen gegenseitig auf die Füße und der Wohnmobilstellplatz ist rammelvoll. Dort kann man gegen Gebühr, per Zug, im Herdenmodus die aktiven Minen besichtigen. Die kann man allerdings auch von einem Aussichtspunkt bei Dehersa gut sehen (kostenlos) wobei die offizielle Durchgangsstraße direkt durch die aktive Mine führt. Das ist bei Weitem nicht so beeindruckend wie die alte stillgelegte Mine die ich gerade ganz alleine erkunde. Alles ist offen, keine Eintrittsgebühren, die Tunnel fei begehbar, die meisten Gebäude schon etwas verfallen, aber gute sichere Wege sind angelegt damit man gefahrlos alles bestaunen kann.
Einer der Wege führt ca 500 m bergauf zu einem Aussichtspunkt von dem aus man in einen kleinen See blickt. Der ist vermutlich durch den Bergbau entstanden, denn rundherum fallen farbige Felsen senkrecht ca 100 m zum See ab. Weiß, gelb, rot, rosa, das Farbenspiel ist gigantisch. An einer Seite der Felswand kann man schmale waagrechte Terrassen erkennen die sicherlich vom Bergbau stammen. Die Bäume die sich teilweise auf den Terrassenrändern und ganz oben angesiedelt haben wirken winzig. Der Weg führt weiter oberhalb der Mine entlang und gibt interessante Einblicke frei. Ein kleiner orangefarbener See in einem kreisrunden grauen Feld wirkt wie ein Spiegelei. Rundherum ist die Erde rot. Das gibt einen gigantischen Kontrast zu den abgefallenen graugrünen Piniennadeln die sich unter den Bäumen sammeln die hier Schatten am Rande des Weges spenden. Weiter geht der Weg und die Erde leuchtet jetzt in allen Gelb- und Orangetönen. Von hier kann man die Stelle sehen wo der Rio Tinto entspringt, aber das bunte Wasser sieht man von hier nicht, dafür ist man zu weit entfernt. Es ist heiß am Spätnachmittag in dieser Gegend, aber die Wanderung im goldenen Licht der späten Sonne hat sich 1000 mal gelohnt.
Am nächsten Vormittag, immer noch am Parkplatz über der Quelle deren bunte Wasser ich nicht müde werde zu bestaunen, kommen ganz vereinzelt Autos vorbei auf dem Weg zum Interpretationscenter. Ca 8 hab ich in den Stunden bis zum frühen Nachmittag gezählt. Nur 3 davon haben an diesem magischen Ort angehalten um einen ganz kurzen Blick auf die Quelle zu werfen und ein paar Fotos zumachen. Kein einziger hat sich auch nur einmal umgedreht um auf die noch viel beeindruckendere Farbpalette des sich durch die Hügel windenden Baches zu blicken.
Abseits der ausgetretenen Pfade …
… setze ich meine Tour fort. Tante Google will mich wiedermal die unmöglichsten Wege fahren lassen, entlang einem holperigen unbefahrbaren Wanderweg, über Treppen und durch eine Fußgängerzone die voller Tische und Stühle der dortigen Restaurants ist, in Gassen in denen kein Durchkommen ist, nicht mal für PKWs. Ich such mir also wieder meinen eigenen Weg, zum nächsten Supermarkt in Nerva, einem kleinen Bergbaudorf, abseits der Touristenroute und einige Kilometer von der großen Mine entfernt. Meine Irrfahrt durch die kleinen Straßen lassen den Ort hübsch genug erscheinen um hier ein wenig auf Entdeckungstour zu gehen Es lohnt sich. Es gibt ein schönes Rathaus, das eher wie eine mächtige Kirche wirkt und auf dem Platz rundherum herrscht buntes Treiben in den Bars und Cafés. Orangenbäume mit lustig bunt bemalten Stämmen säumen den Platz. Die Schilder mit den Straßennamen die an den Hauswänden befestigt sind, sind wunderschöne Fliesen mit Motiven aus dem Bergbau oder dem Namen der Straße/des Platzes entsprechend. Leider hat der große Markt in einem historischen Gebäude schon geschlossen. Eine Infotafel außerhalb erklärt wie wertvoll und bequem doch so ein Markt früher war, wo es alle Arten von Lebensmitteln (von Gemüse über Fleisch zu Brot) an einem einzigen Ort gab. Sozusagen der Supermarkt aus alten Zeiten. Wer macht sich darüber heutzutage in Europa noch Gedanken dass man eventuell zig verschiedene Orte und Geschäfte aufsuchen müsste um ein einfaches Essen zu bereiten?
Es ist schön abseits der ausgetretenen Pfade, da wo kein Camino langführt den sie alle laufen müssen um sich selbst zu finden, wo keine Sehenswürdigkeiten von der Liste abgehakt werden können und auch keine Selfiesüchtigen herumwandern. Hier gibt es das Beste was unsere Erde zu bieten hat, Natur pur, Dörfer ohne Hektik, Menschen die noch Zeit haben sich abends, wenn es kühler wird, auf den Bänkchen am Dorfplatz zu einem Schwatz einzufinden. Alte Männer sitzen beisammen und betrachten schweigend das Geschehen, Frauen stehen in Gruppen zusammen und palavern während kleine Kinder fangen spielen. In etwas ruhigeren Eckchen kuscheln Teenager. Es ist wie in einer anderen Zeit als noch andere Werte zählten.
Seit ich durch Spaniens Extremadura (die Region Andalusiens die an die portugiesische Grenze stößt) reise, fühle ich mich sowohl in den Städten als auch den entlegensten Plätzen sicher, mach mir keine Sorgen um Diebstahl oder eingeschlagene Fenster. Überall findet sich ein geeignetes Plätzchen zum Stehen und Quellen für Trinkwasser gibt es reichlich. So entspannt bin ich über Land lange nicht mehr gereist.
Zwischen Toreros und Waschfrauen – am Tor zur Sierra
Das Treibenlassen hat mich in den Ort Campofrio geführt wo ich jetzt ganz im Grünen auf einer Wiese unter Bäumen zwischen Stierkampfarena und Waschhaus wohne. Die Waschfrauen nutzen schon lange nicht mehr den überdachten Waschplatz außerhalb des Dorfes, der von einer Quelle über ein raffiniertes Kanalsystem gespeist wird. Die lassen das jetzt die Waschmaschine in ihren Badezimmern oder Küchen machen. Die Toreros jedoch kommen noch einmal im Jahr hier her, am 27. Juli. Dann füllt sich die Arena mit Menschen (1500 Zuschauer haben Platz auf 3 Rängen), Stieren, mutigen Toreros und Feststimmung. Die Arena, erbaut 1716, gilt als eine der ältesten und größten ganz Spaniens.
Es ganz still hier am Ortsrand neben der Arena. Eine Schar Schwalben ist unaufhörlich unterwegs zwischen der Arena und den Bäumen neben mir. Nur das Gezwitscher weiterer Vögel und gelegentliche Schafsglocken oder das Wiehern eines Pferdes unterbrechen die Stille.
Ich wandere in der Abendsonne vom Dorf weg, am Waschhaus vorbei an dem ein lautstarkes Froschkonzert erklingt, vorbei an weidenden Kühen, Ziegen, Schafen, Pferden, auf einer kaum befahrenen Straße, sitz auf einem Bankerl in der Abendsonne und lausche dem Plätschern des Baches neben mir. Hinter einem Zaun lagern große Rinden-Stapel der hier wachsenden Korkeichen.
Im kleinen 800 Seelendorf ist es recht still. Nur an der Plaza Espana geht es in einer Bar lebhaft zu. Das scheint der Treffpunkt zu sein. Hierher kommt man zu Fuß oder hoch zu Pferd. Kinder tollen über den Platz während die Erwachsenen lautstark diskutieren. Das restliche Dorf wirkt verschlafen. Hier und dort findet sich ein schön eingefasster, mit bunten Fliesen verzierter, Trinkwasserbrunnen. Der Duft der blühenden Orangen und Zitronen erfüllt die Luft. So intensiv man riecht es schon 3 Straßen entfernt. Ich liebe diesen Duft und den großen Platz vor der Kirche, sitze oft im Schatten der Orangenbäume. Das Summen der Bienen in den Orangenblüten erfüllt die Luft, und ab und zu klappern die Störche, denn ganz oben auf dem Kirchturm wohnt Mama Storch mit ihren beiden Jungen.
Seit 2 Tagen bin ich schon in diesem Dorf und sitze ganz vertieft vorm Jumpino als mich ein „Hola“ aufschreckt. Ein Mann steht vor mir und mein erster Gedanke ist: Oh je, muss ich jetzt hier weg?
Nein, er fragt ob ich Eier esse und dann sehe ich dass er beide Hände voller Hühnereier hat. Etwas verdattert antworte ich: JA. Woraufhin er mir 2 davon abgibt und freudestrahlend erklärt das sei ein Geschenk. Na so was, verwundert stehe ich mit meinen Eier da - schenkt ein Dorfbewohner einer Fremden einfach frische Eier – unvorstellbar bei uns. Mein Abendessen ist gerettet und mein schöner Stellplatz auch, denn offensichtlich haben die Dorfbewohner nichts gegen meine Anwesenheit hier. Wahrscheinlich waren sie ebenso erstaunt dass eine Fremde in ihr Dorf kommt, in dem es doch gar nichts zu sehen gibt und nichts los ist und ganze 3 Tage bleibt. Ich habe in den ganzen Tagen kein einziges Wohnmobil und auch keine Touristen per PKW hier entdeckt, nur ein Pärchen das mit Tourenrucksäcken hier durchgewandert ist.
Zurück auf dem Trampelpfad?
Mein nächstes Ziel ist der Ort Higueras in dem es einige Schinkenfabriken gibt (den von den schwarzen iberischen Schweinen die die Eicheln der Korkeichen fressen woher das Fleisch und der Schinken seinen besonderen Geschmack bekommt). Es gibt auch ein Schnapsmuseum, ein Museum der Heiligen 3 Könige und einen Wohnmobilstellplatz; Und es liegt an der Hauptverkehrsstraße. Wenn man uns schon so einen Platz bereitstellt, sollte man das auch würdigen und annehmen, denk ich, und steuere den kostenfreien Wohnmobilstellplatz an. Umpff, der ist halb voll und eigentlich ganz ordentlich aber so lieblos und kahl – ich dreh gleich wieder um und fahr ein Stück zurück ins Grüne und such mir einen Platz neben einem Wasserbecken unter Bäumen. Eigentlich ist der super schön, nur die ca. 500 m entfernt vorbeiführende Straße ist mir zu laut. Scheinbar bin ich zurück auf dem Trampelpfad. Die 20 Minuten, die hier nun stehe habe ich mindestens 15 Wohnmobile vorbeifahren sehen. Soviele habe ich die ganzen 2 Wochen seit ich auf dem Festland bin noch nicht gesehen.
Ich mach mich zu Fuß auf den Weg die Gegend zu erkunden. Der Ort ist bedeutungslos, hat keine Atmosphäre, nur einen hübschen Brunnen mit eigenartig blühenden Bäumen rundherum und eine Kirche auf dessen Turm ein einsamer Storch wohnt. Die Museen interessieren mich nicht und die Schinkenfabriken haben geschlossen (es ist Sonntag). Also wandere ich aus dem Dorf heraus vorbei an vielen Korkeichen deren Stämme im unteren Bereich frisch geschält und leuchtend rot sind, während oberhalb der ersten Gabelung die ca 3 cm dicke, graugrüne Rinde noch erhalten ist. Viele schöne Pferde gibt es hier auf den Weiden und der Blick über die Hügel der Sierra ist schön. Einige Kilometer außerhalb des Dorfes komm ich an einen schönen Picknickplatz unter Olivenbäumen, weit weg von jeder Zivilisation. Hier her hole ich jetzt den Jumpino, weg vom Trampelpfad den sie alle nehmen und genieße noch die Abendsonne, die Stille und den weiten Blick über die Hügel. Die Schafsglocken, die aus der Ferne zu mir herüberbimmeln, empfinde ich als beruhigend, während ich mich an das Schnauben der Pferde ringsherum noch gewöhnen muss. In dieser Nacht liege ich noch lange wach, betrachte die Sterne durch mein Fenster und lausche auf die Stimme der Nacht. Leise, ungewöhnliche und fremde Geräusche um mich herum die ich nicht zuordnen kann. Nur der Uhu übertönt sie alle.
Am nächsten Tag bin ich wieder auf einsamen Straßen unterwegs auf der Suche nach der Quelle des Rio Odiel, der bei Huelva ins Meer mündet. An diese Quelle kommen die Menschen aus der Umgebung um ihr Trinkwasser zu zapfen. Ganz verwunschen, zwischen Sträuchern und Bäumen, hat man eine kleine Mauer mit einem Sitzbänkchen und einem Wasserrohr errichtet über das man ganz leicht seine Kanister mit herrlich frischem Quellwasser füllen kann. Alles was ich an Tanks und Kanistern finden kann, wird hier befüllt. Mit Wasservorräten für ca. 1 Woche will ich meinen Weg fortsetzen, denn das heutige Ziel heißt Aracena und hat wieder mal einen Wohnmobilstellplatz (den ich diesmal versuchen will) und ausreichend Supermärkte, denn meine Vorräte sind ziemlich am Ende.
Nichts geht mehr – nicht nur in Aracena
Als ich wieder losfahren will verweigert Tante Google mir ihren Dienst. „Kein Internet“ sagt sie. Na ja, das kommt hier in den einsamen Gegenden öfters vor, dass es Bereiche ohne Signal gibt und ich fahre einfach weiter Richtung Aracena, denn spätestens dort, in einem größeren Ort gibt es sicher ein Signal und erst dort brauch es um den Supermarkt und den Stellplatz zu finden.
Als ich den Ortsrand von Aracena erreiche kann ich schon von der Umgehungsstraße die Burg hoch über der Stadt thronen sehen. Aber das Internetsignal kommt nicht zurück. Da muss wohl ein Problem mit einem Internetplan/Anbieter vorliegen. Wie soll ich jetzt meine auserwählten Ziele finden? Wenigstens funktioniert die Standortbestimmung noch, so dass ich weiß wo ich bin, aber alle Angaben, wie Ortsnamen, Supermärkte, Tankstellen, Parkplatz und meine Route und markierten Ziele sind weg.
Zum Glück liegen die Supermärkte, Mercadona und Lidl, an der äußeren Ringstraße der Stadt so dass ich sie auch ohne Navi finden kann. Jetzt erst mal einkaufen.
So einen seltsamen Mercadona (vergleichbar mit unseren Edeka Läden) hab ich noch nie gesehen. Der größte Teil des großen Ladens liegt im Dunklen oder ist nur spärlich beleuchtet. Alle Kühlregale sind mit Aluvorhängen verschlossen. Die Leute spähen durch die Ritzen zwischen den einzelnen Vorhängen, und wenn sie entdeckt haben wonach sie suchen öffnen sie diesen kurz um ihn gleich nach Entnahme der Waren wieder zu schließen. Die warme Theke und die Backstube sind außer Betrieb. Es ist Montag und die Regale noch spärlich befüllt, aber niemand ist da um sie nachzufüllen. Nur 2 Kassen im riesigen Markt sind in Betrieb. Ich bezahle, wie üblich in bar, und will gleich noch nach nebenan um bei Lidl das zu kaufen was Mercadona heute nicht hatte. Aber die automatische Eingangstür geht nicht auf. Der Laden liegt im Dunklen. Ein Verkäufer steht hinter der verschlossenen Tür, zuckt hilflos die Achseln und deutet „geschlossen“. Na gut denn eben nicht. Es wird sich doch in der Stadt noch ein anders Lebensmittelgeschäft finden.
Das Internet funktioniert immer noch nicht. Durch die Stadt mit den engen verwinkelten vielen Einbahnstraßen brauch ich es ohne Navi gar nicht erst versuchen. Auch Tante Google stößt in diesen Städten regelmäßig an ihre Grenzen, auch wenn alles einwandfrei funktioniert. Und ich habe keine Ahnung wo sich der Wohnmobilstellplatz befindet, er wird ja ohne Internet nicht mehr angezeigt.
Also los, im Blindflug versuchen auf die andere Seite der Stadt zu kommen wo es einen Sportplatz und einen Friedhof gibt – immer geeignete Plätze um einen Parkplatz zu ergattern. Dummerweise habe ich eine Ausfahrt zu früh im Kreisverkehr (mit 6 sehr nahe aneinander liegenden Abfahrten) genommen und bin jetzt, ohne Wendemöglichkeit, auf dem Weg ins verwinkelte Zentrum. Huch – auf einmal stehe ich vor Schildern die eine Einbahnstraße von hinten markieren – ohne Vorwarnung. Also steil bergauf rückwärts zur letzten Gabelung und im steilen Winkel dort hinunter. Wohin jetzt? Ich halte einfach mal am Straßenrand bei der Stierkampfarena um in Ruhe zu überlegen in welche Richtung ich nun weiterfahren soll. Da sehe ich ein Schild „Parkplatz Zentrum“ und einen Pfeil in welcher Richtung der sein soll. Hmm, ob der Jumpino da hineinpasst und durch die engen Straßen kommt? Ich lass ihn einfach mal stehen wo er ist und erkunde die Strecke zu Fuß. Ist nicht weit, nur 200 m und breit genug für Jumpino. So und da parken wir nun innerhalb alter Mauern auf einem weitläufigem sandigen Platz mit nur 5 anderen Fahrzeugen. Wirkt irgendwie gespenstisch. Aber ich habe jetzt keine andere Wahl. Wo der Wohnmobilstellplatz ist will mir Tante Google ja ohne Internet nicht verraten.
Meine erste Aufgabe für heute: das Internet wieder zum Laufen bringen. Aber um herauszufinden was da los ist - brauch ich Internet! Teufelskreis! Ich wandere durch das hübsche Städtchen auf der Suche nach der Tourist-Info, in der Hoffnung dort das Internet nutzen zu können und meines wieder zu beleben. Die Stadt ist wirklich hübsch, aber so ruhig. Alle Geschäfte sind geschlossen, obwohl um diese Zeit alle geöffnet sein sollten. Die Lokale sind leer, vereinzelt sitz jemand mit einem Kaltgetränk an einem Tisch während der Kellner sich langweilt. Wirklich seltsam in einer Stadt die gerne von Touristen besucht wird da sie einige Attraktionen zu bieten hat. Ich stehe vor einem Gebäude dass ein Info-Center ist. Ob es die Tourist-Info ist weiß ich nicht aber ich zwäng mich durch die nur halb geöffnete Tür. Drinnen find ich eine Schinkenprobierstube – geschlossen, ein Pilzerkennungszentrum - geschlossen. Und das während der draußen groß angeschriebenen Öffnungszeiten? An einem Schalter sitzt eine Frau und ruft mir zu „geschlossen“! Ich frag sie ob das die Tourist-Info ist und ob ich mal kurz das Internet nutzen dürfte, aber sie sagt NEIN. (??? Tourist Infos haben immer Internet) Und dann erklärt sie dass sie gerade schließen, denn ganz Spanien und ganz Portugal haben kein Internet und die Regierung weiß nicht warum. Aha, dann liegt das Problem gar nicht bei mir. Ich mach mir gar keine großen Gedanken, einfach abwarten, wird bestimmt bald wieder gehen. Und erst mal hab ich ja einen Parkplatz wo ich bleiben kann, auch wenn ich mich dort nicht wirklich wohlfühle.
Es ist zwar die heißeste Zeit des Tages, aber es weht ein angenehmer Wind. Nachdem im Ort alles geschlossen hat, wandere ich den Hügel hinauf zum Castillo. Ein schöner Weg und eine wunderbare Aussichten belohnen meinen Entschluss. Ein beeindruckendes Tor mit Glockengeläut führt in das Gelände. Kein Kassierer, kein Eintrittsticket nötig. Wie schön. Eine schöne maurische Kirche aus den Jahren 1200 ist zu bestaunen, aber drinnen ist es so stockfinster dass man überhaupt nichts sieht. Blind stolpere ich drin umher um möglichst schnell wieder herauszukommen. Dann wandere ich um die Burg herum um den Eingang zu finden. 50 m davor kommt mir ein Paar entgegen dass ich schon vorher bei der Kirche bemerkt hatte. In halb spanisch halb englisch erklären sie mir dass die Burg geschlossen ist und dann plaudern wir in Deutsch, denn sie sind Holländer (die können alle super gut Deutsch). Und jetzt erfahre ich das ganze heutige Dilemma. Das Castillo ist einer der wenigen Plätze wo Eintritt zu zahlen ist (nur 3 €) aber ohne Strom und Internet geht eben nichts. Ein handgeschriebener Zettel an der Tür weist darauf hin.
Ganz Spanien, Portugal, Südfrankreich und Teile Belgiens sind seit heute Mittag ohne Strom und ohne Internet erzählen die Holländer. Aha, das ist genau die Zeit als mein Signal verschwand. Niemand weiß warum und wie und wann sie es wieder herstellen können. Hah, der fehlende Strom macht mir nix, sag ich, denn ich hab eine Solarzelle auf dem Camper. Sie sind auch Camper und ihr Fahrzeug steht da unten. Und da wo sie hindeuten seh ich jetzt auch den Wohnmobilstellplatz der von hier oben gar nicht so übel aussieht, jedenfalls besser als mein Platz im Zentrum hinter den Mauern. Aber wie soll ich dahin finden? Ich seh den Friedhof, merk mir die Richtung und da es ziemlich am Rande der Stadt liegt, könnte ich ihn finden.
Zurück zum Jumpi, den Weg zurück zur Ringstraße weiß ich noch und dann ganz außen rum, hinter die Burg und dann hoffen … Ich hab ihn tatsächlich gefunden, mehr mit viel Glück. Aber jetzt wo ich vor Ort bin finde ich den betonierten baumlosen Platz wieder so hässlich dass ich nicht bleiben mag. Ich fahre nochmal ein paar Straßen zurück, zum Sportplatz, ganz am Stadtrand, mit Bäumen und viel freiem Parkplatz - und da bin ich jetzt stationiert. Vor mir auf der saftig grünen Wiese galoppieren (noch fröhlich) die schwarzen leckeren iberischen Schweine, hinter mir sportelt eine Gruppe Männer und dann wird es still und dunkel. Weder Strom noch Internet sind zurück.
Um 05:00 morgens macht mein Smartphone „piep“. Es muss also wieder ein Signal da sein und eine W‘App Meldung ist eingegangen. Das Netz ist sehr schwach, kommt und geht, aber immerhin.
Gegen Mittag mach ich mich auf den Weg zum nahegelegenen Supermarkt. Hier läuft alles wieder und viele Leute sind beschäftigt endlich die Regale wieder aufzufüllen. Einkäufe erledigt – nach Hause, Route planen – aber dazu ist das Netz noch zu schwach. Also einfach wieder der Nase nach – Ziel Alajar oder darüber hinaus bis ich wieder google verwenden kann, denn Papierkarten hab ich für diese Region leider nicht finden können.
Alajar
ich weiß ja eigentlich nie was mich an den Orten oder Plätzen erwartet die ich ansteuere. Ich habe keine Reiseführer und würde auch keine nutzen, denn da fahren sie alle hin. Dasselbe gilt für all die „Geheimtipps“ im Internet und all die Apps für Camper, die ich meide wie den Teufel daselbst. Ich wähle meine Route wie folgt: Die unbedeutendste aller Nebenstraßen fahren und Augen aufhalten. Aber vorsorglich per goggle maps einen Platz finden an dem man parken könnte, falls sich unterwegs nichts passendes finden sollte. Speziell Picknickplätze haben sich in dieser Gegend bewährt.
Und so führt mein Weg auch durch das Dorf Alajar. Es gab keinen besonderen Grund und noch ist nicht entschieden ob ich hier anhalten werde, aber der Blick von der Straße dies sich durch die Sierra windet, hinunter auf das Dorf und vor allem dessen Parkplatz in einem Olivenhain am Ortsrand, nimmt mir die Entscheidung sofort ab. Das sieht nach dem optimalen Stellpatz aus.
Alajar ist ein kleines hübsches langgestrecktes Dorf auf 700 m Höhe. Autos dürfen in diesen Ort nicht hineinfahren (Anwohner ausgenommen). Deshalb hat man diesen herrlichen Parkplatz in einem Olivenhain geschaffen. Ein Campingplatz könnte nicht schöner sein. Den hab ich zwar nicht für mich alleine, 4 weitere Wohnmobile haben sich hier eingefunden, aber es scheint ein Geheimtipp der Spanier zu sein, denn ich bin das einzige Ausländische Fahrzeug. Und es ist sooo schön hier!
Die Fahrt hier her war ein Traum, Ausblicke über die Sierra, durch Laubwald und viele Blumen, Neben- oder Provinzstraße, schmal, kaum befahren aber der Belag top, im Gegensatz zu den Nationalstraßen / Überland, deren Belag brüchig und löchrig ist.
Leider ist kein schönes Wetter, es sieht nach Regen aus. Mittagessen muss ausfallen, nur schnell einen Keks zwischen die Zähne und los, auf Erkundungstour.
Alajar ist wirklich ein netter Ort, viele kleine Plätze, enge Gassen, alte Häuser. Ich find ihn schön. Alte Männer an ein Weinfass gelehnt sitzen vor der Kneipe. Aber das Beste sind die Wanderwege die man von hier aus gehen kann. So schön, die Korkeichenwälder, das muntere Plätschern des Baches mit zig kleinen Wasserfällen, das Vogelgezwitscher ... Idylle pur.
Und jetzt regnets! Zum ersten Mal in diesem Jahr hole ich die Heizung hervor um es ein wenig gemütlich zu haben. Leider hält der Regen die ganze Nacht und den nächsten Tag an und vermasselt mir meine Pläne. Es wäre eine herrliche Gegend zum Wandern gewesen. Schade!
In meinem Zimmer, fällt leis der Regen …
stetig und immer ... Wer es nicht kennt, weil zu jung, oder sich nicht mehr erinnert – hier der Link zum Lied von Reinhard Mey – In meinem Zimmer fällt leis der Regen …
https://youtube.com/watch?v=v9m0_qBRjI4&si=XyfBBo8qRzi_Kx84
Nur bin ich nicht ganz so glücklich darüber wie er.
Es hat die ganze Nacht geregnet, in den frühen Morgenstunden gab's Gewitter und jetzt am späten Vormittag schüttet es richtig. Die Welt um mich herum ist eine große braune Schlammpfütze geworden, von den Olivenbäumen plätschert es heftig herunter und auch „im Jumpino“ regnet es. Igitt, während ich in meiner Küchenecke stehe läuft mir gerade ein Schwall Wasser ins Genick. Brrr, wo kommt das denn her?
Von der Dachluke tropft es jetzt konstant herab. Ich löse die Innenverkleidung etwas und noch mehr Wasser kommt herunter aber ich kann nicht ausmachen woher es genau kommt. Erst hoffe ich noch dass es Wasser ist das sich angesammelt hat während ich die Luke einen kleinen Spalt offen hatte. Aber das war's nicht. Mehr und mehr Wasser kommt herab, ich komme mit Wischen gar nicht mehr nach und kann jetzt bei dem Sauwetter auch gar nichts dagegen tun - außer wischen, wischen, wischen.
Wir machen uns startklar und verlassen Alajar und zum Glück wird der Regen jetzt leichter und hört fast ganz auf.
Die Landschaft hier ist traumhaft. Ich fahre auf der Straße 8105 westwärts. Unter uralten riesigen Korkeichen entlang mir herrlichen Aussichten über die Sierra. Wie schade dass alles grau in grau ist und vieles von den Wolken verschluckt. Ich werde hier sicher nochmal her kommen, vielleicht im Winter oder nächsten Frühjahr. Diese Gegend, so abseits von allem, ist so wunderschon, die Dörfer hübsch und beschaulich und es findet sich immer ein schöner Stellplatz für die Nacht. Aber im Moment überschattet der Regen und meinem Zimmer das Ganze. Die Dachluke war dicht nachdem ich sie eingebaut hatte, hat so mancher Hochdruckreinigung und Regenschauern standgehalten. Aber jetzt? Vielleicht hat die viele Sonne und Hitze der letzten Monate die Dichtungsmasse schrumpfen oder porös werden lassen. Es hatte monatelang nicht geregnet, abgesehen von ein paar wenigen sehr kurzen leichten Schauern, aber es gab sehr viel Sonne und Hitze.
Almonaster el Real
Zum Glück hat bei meiner Ankunft in Almonaster der Regen aufgehört. Ich habe einen netten kleinen Parkplatz am Ortsrand gefunden, nehm den großen bunten Regenschirm und geh auf Erkundung.
Der Himmel ist grau und es nieselt leicht. Der Ort ist wirklich hübsch und hier (nur 59 km von der portugiesischen Grenze entfernt) merkt man auch bereits erste portugiesische Einflüsse. Die Muster im Pflaster der Straßen, die man sonst in Spanien nicht findet, deuten eindeutig auf die Nähe hin. Die Stadt ist komplett Autofrei. Nicht mal die Anwohner dürfen darin parken aber zum Be- und entladen hineinfahren. Ohne Autos sieht das alles gleich viel netter aus. Die weißen Häuser in den steilen Gassen, die alles dominierende uralte Kirche, der Hauptplatz mit Brunnen und den Orangenbäumen die diesen Duft verbreiten den ich so liebe. Ich wandere hinauf zur Mezquita. Ein schöner von Oleanderhecken gesäumter Weg mit Aussicht über die bewaldeten Hügel, deren Spitzen jetzt in den Wolken stecken. Wir befinden uns hier zwischen 500 und 1000 Höhenmetern.
Oben befindet sich eine Stierkampfarena die offen zugänglich ist und auf deren Rängen und Kampfplatz man einfach herumspazieren kann. 1000 Zuschauer haben hier Platz. Alles ist in bestem Zustand. Sie grenzt direkt an die alte Mezquita, eine Islamische Moschee aus dem 9. und 10 Jahrhundert, erbaut innerhalb der Überreste einer gotischen Kapelle aus dem 6. Jahrhundert. Sie ist von außergewöhnlichem Wert da es sich um die einzige Andalusische Moschee handelt die in Spanien in ländlicher Umgebung unversehrt erhalten geblieben ist. 1931 wurde sie bereits zum Nationaldenkmal erklärt. Auch die steht offen und jeder kann sie in Ruhe kostenlos besichtigen. Dank des schlechten Wetters und eines Wochentages bin ich fast allein hier oben. Nur schade dass die Sonne nicht scheint und die Farben fehlen. Ich schlendere weiter durch den fast ausgestorbenen Ort (es ist noch Siesta) entdecke wiederum eine Quelle die schon vor Dreihundert Jahren in Becken gefasst und als Waschplatz genutzt wird. So ein schöner Ort.
Zuhause im Jumpino ist jetzt erstmal alles trocken geblieben und nach dem Abendessen kommt sogar die Sonne durch was mich nochmal zu einem Rundgang durch den Ort, hinauf zum Castillo und einem kleinen Einkauf im einzigen winzigen Krämerladen verleitet.
Das Paradies ist überall
Auf der weiteren Fahrt über die Nebenstraße 7400, bleibe ich oft stehen um die schöne Landschaft zu bewundern oder an einem der vielen Flüsse ein kleinen Spaziergang zu machen. Ich bin auf meinen letzten Kilometern durch Spaniens Extremadura (Eine Gegend in Andalusien die im Westen an die portugiesische Grenze stößt). Das Ziel heißt Portugal, an einem Stausee bei Mina de Sao Domingo. Soweit komm ich gar nicht. Vor dem Schild „Portugal“ halt ich an um es zu fotografieren (ist ja nix los auf diesen Nebenstraßen) da geht das jederzeit einfach so auf der Straße. Und dann schau ich über das Brückengeländer der „Puente Internacional del Chanza“, die Spanien mit Portugal verbindet und – Oh! Da unten liegt wieder eines der Paradiese. Ich dreh um find eine kleine Sandstraße die unter die Brücke führt und steh jetzt in einer Blumenwiese direkt am munter gurgelnden Fluss Chanza. Sooo wunderschön! Die Sonne scheint seit heute nachmittag wieder, es ist angenehm warm und meine Umgebung wieder mal paradiesisch. Im Fluss befindet sich eine Insel, rund um mich nur grün und Blüten, weiter drüben ein verfallenes Haus. Aber in diese Richtung geht’s nicht mehr weiter. Wildnis pur und nach all dem Regen führt der Fluss sehr viel Wasser. Aber in die andere Richtung kann ich gehen, durch Blumenwiesen mit herrlichen Ausblicken auf den Fluss und die Stromschnellen. Ich erreiche einen Picknickplatz im hohen Gras und voller Blumen. Richtig verwunschen – so wunderschön. Hier beginnt der Wanderweg der Mühlen. Aber für den ist es heut schon zu spät und auch alles noch zu nass vom vergangenen langanhaltenden Regen. Ein Schild zeigt mit welcher Fauna man hier konfrontiert wird. Eine riesige Auswahl an Vögeln vom Eisvogel über Wiedehopf zu allen Arten von Greifvögeln. Auch Biber und Marder sind hier zu Hause, aber am meisten fasziniert mich die Gineta, eine gepunktete Wildkatze mit Ringelschwanz (damit ist die Fellfärbung gemeint, nicht die Form wie bei einem Schweinderl). So eine hab ich noch nie gesehen und da es hier auch kein Internet gibt (wer braucht das schon im Paradies) um mehr über sie zu erfahren vermute ich dass sie nachtaktiv ist und beschließe diese Nacht besser nicht mehr nach draußen zu gehen. Aber noch scheint die Sonne, die Vögel zwitschern, der Fluss gurgelt munter vor sich hin und ich genieß im gemütlichen Campingstuhl vorm Jumpino die Abendsonne.
Am nächsten Morgen weckt mich das Trommeln des Regens auf dem Dach, Blitze und Donner. Oh weh, meine Dachluke! An Schlafen ist nicht mehr zu denken. Ob es wieder reinregnet? Und ob der Flusspegel steigt? Ich steh verdammt nah am Wasser nur wenige Zentimeter oberhalb der Wasserlinie. Eigentlich bin ich noch total müde, aber ich muss aufpassen. Der Fluss scheint schneller zu fließen und auch ein bisschen gestiegen zu sein. Heute regnet es zum Glück nur draußen, die Dachluke hält noch dicht. Ich könnte mich unter die Brücke stellen falls sie wieder schwächelt, aber ich mag noch nicht aufstehen. Dann scheint wieder die Sonne und ich atme auf, dreh mich um und bevor ich beruhigt wieder einschlummern kann kommt der nächste Regenguss. Von der Brücke donnern richtig Wasserfälle herunter. Mich besorgt ob ich hier wieder wegkomme oder im Schlamm stecken bleibe. Ich stehe ja auf unbefestigtem Wiesengrund und dort bilden sich bereits große Pfützen. Wieder Sonne und blauer Himmel. Ich steht auf und setz Kaffeewasser auf. Der nächste Regenguss donnert herunter. Jetzt trau ich mir nicht länger hier zu bleiben. Es würde auch keinen Sinn machen den Tag hier zu verbringen bei dem Wetter, auch wenn es paradiesisch ist, ich könnte hier eh nichts tun. Rund um mich herum und auch der Wanderweg den ich gerne gegangen wäre ist alles matschig. Ich verstau den frisch gebrühten Kaffee in der Thermoskanne, verschiebe das Frühstück auf später und fahre los. Die steile unbefestigte Auffahrt schafft der Jumpino zum Glück problemlos -Oufff. Diesmal hat uns der Regen aus dem Paradies vertrieben, Schade!
Und dann sind wir wieder oben auf der Brücke und passieren die Grenze nach Portugal. Aber es gibt auch hier kein Internet. Also wieder mal im Blindflug und hoffen die richtige Abfahrt zu finden.
Und weil wir jetzt in einem neuen Land sind werde ich darüber auch in einen neuen Bericht erzählen und diesen damit beschließen. Wunderschön war‘s in Spanien abseits der ausgetretenen Pfade – und ich komme sicher wieder! Bleibt nur zu hoffen dass nicht irgendjemand auf die dumme Idee kommt diese herrliche unberührte Gegend im Internet zu verbreiten. Das wäre wirklich schade!
P.S Jetzt wo ich diesen Bericht fertigstelle und auf meine homepage setze habe ich natürlich wieder Internet und auch nachschauen können was eine „Gineta“ ist. Auf Deutsch heißt sie „Ginsterkatze“, groß wie eine Hauskatze und wie vermutet nachtaktiv und Allesfresser. Von der Größe her wäre ich wahrscheinlich nicht in ihr Beuteschema gefallen, aber es reicht ja gekratzt oder gebissen zu werden. Da bin ich lieber vorsichtig.