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Carina's Logbuch

Inlandtour nach Marrakesch

Da das passende Wetter für die Überfahrt nach Madeira auf sich warten lässt und der Hafen weiterhin für mindestens die nächsten 10 Tage gesperrt ist habe ich beschlossen diese Zeit für eine Reise quer durch Marokko zu nutzen. Als erstes Ziel habe ich mir Marrakesch ausgesucht, eine Stadt in die ich schon immer mal reisen wollte und die ich mir ganz anders vorgestellt hatte als sie wirklich war. Marrakesch ist laut, hektisch, touristisch, überteuert und einfach schrecklich. Es ist aber auch lebhaft, interessant, verwirrend, bunt und auf alle Fälle eine Reise wert.

 

Viel Lärm um nichts

Bevor es aber losgehen kann, muss ich im Hafen Bescheid geben.

Es sei kein Problem dass Schiff alleine zu lassen und quer durch Marokko zu reisen, aber da ich am Ende der Inlandtour von Marrakesch aus kurz nach Deutschland fliegen werde, müsse ich jetzt zum Zollbüro gehen, das sich auf der anderen Seite der Marina befindet.

Im winzigen, spartanisch eingerichteten Büro sitzt am Schreibtisch, hinter dem offiziellen PC (Marke Steinzeit), ein kleiner Junge und spielt ein lautes Computerspiel. Auf dem Schreibtisch sitzt der Beamte und spielt mit seinem Handy. Die beiden sind so vertieft dass sie mein Eintreten gar nicht bemerken. Der kleine Junge entdeckt mich als erster und dreht den Ton seines Spiels auf leise was dann den Beamten aufmerken lässt der nun ganz schnell Haltung einnimmt. Schließlich ist ein marokkanischer Beamter eine Respektsperson.

Ich erkläre dem Beamten mein Vorhaben woraufhin er mich ins Marinabüro schickt. „Da war ich gerade, die haben mich zu Ihnen geschickt“. Ratlosigkeit beim Zollbeamten. Er zückt das Telefon und ein längeres Palaver mit dem Hafenmeister beginnt. „Sie sind spät dran“ meint er und macht ein besorgtes Gesicht. Ich versichere dass es mir leid täte, ich aber der Meinung war, es reicht am Flughafen bei der Abreise das übliche Formular auszufüllen. Nein, das reicht nicht aber kein Problem, er werde mir helfen, dafür sei er schließlich da. Er prüft meine Schiffspapiere auf denen bereits eingetragen ist dass das Schiff bis nächstes Jahr hier bleiben dürfte. Er fragt wo das Problem sei? Ich weiß es nicht, der Hafenmeister bestand darauf dass ich mich hier melde. Mhhh, wieder wird das Handy gezückt und weitere lange Telefonate folgen. Nach ca. 30 Minuten muss der kleine Junge, der sein Sohn ist, sein Spiel am Computer unterbrechen, denn jetzt hat der Beamte zu arbeiten. Umständlich tippt er auf der wackeligen Tastatur etwas ein (er hätte das besser den Kleinen machen lassen sollen, der war geschickter). Dann erklärt er es sei jetzt alles geregelt. Ich bekomme weder ein Schreiben noch einen Stempel in den Ausweis und werde nun zurück zum Hafenmeister geschickt. Der fragt nur ob nun alles ok sei. Ja, das hat zumindest der Zollbeamte gesagt und mich hierher geschickt. Na, dann gute Reise und bis bald. Ich bin noch etwas verwirrt, denn mir ist immer noch nicht klar was das ganze Theater sollte und was denn nun geregelt ist, aber scheinbar ist nun alles klar zur Abreise.

Auf dem Weg nach Marrakesch

Mit dem Rucksack auf dem Rücken verlasse ich die Marina um mit der Straßenbahn zum Bahnhof Rabat Ville zu fahren, von dem der Zug direkt ins 250 km entfernte Marrakesch geht. Das Ticket kostet 127 Dirham (11 Euro) und die Fahrt wird 4 ½ Stunden dauern. Ich habe Glück und ergattere noch einen Sitzplatz im schon gut vollen Zug. Alle die nach mir einsteigen, müssen sich mit einem Stehplatz begnügen. Der Zug ist vergleichbar mit einer Regionalbahn in Deutschland, Großraum, sauber, unterhaltsam. Der Getränke- und Snackverkäufer der bis kurz nach Rabat noch vergeblich versucht hatte sein Wägelchen durch die vollen Gänge zu schieben, verlässt in Casablanca resigniert den Zug. Im Bereich zwischen den Wagons hat sich ein Grüppchen Trommler eingefunden, die nun mit Trommeln und Gesang für Unterhaltung sorgen. Weitere junge Menschen versuchen sich durch die vollen Gänge zu ihnen durchzuschlagen um an diesem Spektakel teil zuhaben. Die Zeit vergeht wie im Flug während draußen die Landschaft vorbeifliegt. Flache Täler mit grünen Feldern und Obstgärten, weidenden Kühen und Schafen wechseln sich mit hügeliger Steinwüste in gelb und orange ab durch die vereinzelt ein Esel trabt. Zwischendurch Kaktuspflanzungen, Palmen und dann wieder nur Stein und Sand. Kleine Städte die sich farblich so ins Landschaftsbild fügen, dass sie sich kaum vom Hintergrund abheben. An den einsamen Bahnübergängen, an denen Sandpisten im Nirgendwo die Gleise kreuzen sitzt jeweils ein Bahnwärter auf einem Stühlchen unterm Sonnenschirm und bewacht den Übergang. Keine Stadt, kein Haus, keine Hütte und auch keine Autos weit und breit. Ein groteskes Bild. Stunden später der Stadtrand von Marrakesch an dem sich eine Art Disneyland angesiedelt hat. Dahinter rosarote Häuser (alle Häuser der Stadt sind rosarot, so wie die Erde die sie umgibt) vor der Kulisse des noch fernen Hohen Atlas mit seinen 4000 m hohen Bergen. Angekommen! Ich nehme den Stadtbus (für 35 Cent) in die Medina in der sich mein Hostel, das Equity Point befindet, in dem ich für 3 Nächte reserviert habe.

 

Djemaa El-Fna, Souks und Riads

Endstation des Busses und Start meiner Suche nach dem Hostel ist der „Große Platz“ wie sie ihn hier nennen, der „Djemaa El-Fna“. Er liegt bereits in der Medina mit ihren engen gewundenen Gassen und Souks in denen man jede Orientierung verliert. Es ist früher Nachmittag und auf dem Platz herrscht bereits reges Treiben. Kobras winden sich zum Klang des Gedudels der Schlangenbeschwörer, während Riesenschlangen faul in der Sonne liegen und darauf warten einem Touristen für ein entgeltpflichtiges Foto um den Hals gelegt zu werden. Berberaffen in Fußballtrikots, Miniröckchen und Sonnenbrillen werden an Leinen spazieren geführt und bunt behütete Wasserverkäufer, mit Ziegensack und Messingbechern behängt, klappern laut um auf sich aufmerksam zu machen. Frauen sitzen auf kleinen Hockern und bieten Henna-Tatoos an. Dazwischen unendlich viele Stände an denen es Nüsse und Trockenfrüchte und frisch gepressten Orangensaft zu kaufen gibt.

Ich werde mir das alles später in Ruhe ansehen, denn jetzt will ich erst mal mein Hostel finden und den Rucksack loswerden. Ich weiß dass mein Hostel nur 5 Min vom Platz entfernt mitten im Souk liegt. Ich frage mich nur in welche Richtung ich denn loslaufen soll, denn die Souks sind rund um den Platz. Ich weiß auch dass wir die Mouassine Moschee ganz in der Nachbarschaft haben, aber wohin ich auch schaue, überall sehe ich Minarette über die Häuser ragen. Mein Stadtplan im Lonley Planet Reiseführer erweist sich als nutzlos, denn die winzigen Gassen sind in keinem Stadtplan eingezeichnet und ich kann vor lauter Gewühl nicht mal feststellen auf welcher Seite des Platzes ich mich befinde. Ich stürze mich in den nächstgelegenen Souk von dem ich denke die Richtung passt. Nun sehe ich gar nichts mehr, außer Souvenirs und Souvenirs und Souvenirs. Dafür habe ich nun gar keinen Nerv – ich will einfach nur in mein Hostel. Ich frage einen Händler in welcher Richtung die Mouassine Moschee liegt und kaufe ihm ein Stück Ananas für 20 Dirham ab (eine teure Auskunft, knapp 2 € für eine vage Richtung). Ich habe soeben gelernt, dass fragen teuer ist und trabe nun weiter in die gezeigte Richtung und verirre mich hoffnungslos. Nach einer Stunde herumirren frage ich doch noch mal drei Herren die vor einem Laden sitzen und erhalte diesmal eine kostenlose konkrete Antwort. Nur noch ein paar Gassen, total verwinkelt, ohne Shops und ich stehe vor der Tür des Hostels.

Ich stell mir gerade vor, dass ich hier im Dunklen nicht alleine langgehen will und bin mir sicher hier nie wieder her zu finden. Im Hostel werde ich bereits erwartet. Die Tür fällt hinter mir zu und die Welt und der Trubel der Souks bleibt draußen. Hier drinnen, das ist eine Oase der Ruhe.

Es sei gar nicht schlimm hier her zu finden. Man nennt mir ein paar Orientierungspunkte die alles überragen und so immer sichtbar sind und der nette Herr zeichnet mir einen Wegeplan. Aber erst mal soll ich doch mein Zimmer beziehen und mir das Hostel anschauen, dann würden sie mir auch zeigen „what to see and do“ in Marrakesch.

Das Hostel ist wunderschön. Ein sogenanntes Riad, mit einem Innenhof mit Brunnen um das rundherum unter Säulengängen die Zimmer angeordnet sind. Die Zimmer sind groß, hell, geräumig und sauber. 6 Betten pro Zimmer, Dusche und Toilette im Zimmer. Nur 2 Betten sind belegt, somit habe ich die Wahl. Die Fenster gehen zum Innenhof und bieten einen schönen Ausblick. Morgens wird man geweckt vom Gezwitscher der Vögel und man fühlt sich weit weg vom Trubel der Stadt.

Überall gibt es mit farbenfrohen Stoffen und Teppichen gestaltete Sitzecken. Es gibt freies Wifi aber zum Glück keinen Fernseher. Im hinteren Innenhof befindet sich ein Swimmingpool und Sonnenliegen. Aber das Beste von allem ist die Dachterrasse. Mehrere größere und kleine Bereiche laden zum Verweilen ein. Kübelpflanzen, Sitzecken, Sonnenliegen und der Blick über die Dächer der Stadt bis zu den Bergen des Hohen Atlas ist einfach großartig. Kein Straßenlärm ist zu hören, nur das Zwitschern der Vögel die hier zwischen den Palmen und Bugahnvillas hin und her huschen und im Frühstücksbereich und Restaurant nach Kuchenkrümeln suchen. Und nachdem die spärlichen Lichter der Medina in den schmalen Gassen kaum Licht verbreiten kann man hier oben wunderschön „Sterndalschaugn“.

Zum Frühstück gibt es Buffet auf der Dachterrasse – all you can eat – mit Kaffee, Tee, Milch, Brot, marrokanischen Pfannkuchen, Butter, Marmeladen, Joghurt, frischem Obst, verschiedenen Kuchen uvm. Ich fühle mich wie im 5-Sterne Hotel – nur der Preis ist anders. Das Bett mit Frühstück kostet 10 € pro Nacht. Ein ideales Basislager um die nächsten Tage Marrakesch zu erkunden.

An diesem ersten Tag in Marrakesch genieße ich erst mal das schöne Hostel, bleibe auf der Dachterasse bei 2 Mädels aus Ried für einen längeren Plausch hängen und mache viele nette Bekanntschaften. Dann aber treibt die Neugier mich doch in den Trubel der Stadt.

Auf dem Weg zum Djemaa El-Fna, den man unbedingt (?) am Abend besuchen muss, komme ich kaum voran. Die Gassen sind gestopft voller Menschen und alles drängt Richtung „Platz“. Man sagt es sei der größte Rummelplatz der Welt, und zwar Tag und Nacht, ganzjährig. Und das stimmt. Überall stehen Menschengruppen im Kreis um verschiedenste Straßenkünstler, Artisten, Tänzer, Musiker, Geschichtenerzähler und Clowns die alle mit offenen Händen kassieren. Allein einen Fotoapparat bei sich zu tragen kostet immer Geld. Man wird es schnell leid ständig zur Kasse gebeten zu werden. Abgesehen davon ist man hier wählerisch. Waren an der Küste 1 bis 2 Dirham immer eine willkommen Gabe, gibt man sich hier unter 10 Dirham nicht zufrieden. Das Geld zerrinnt einem hier nur so unter den Fingern. Inzwischen haben sich auf dem Platz unzählige Küchen und Imbisse mit Tischen und Bänken installiert. Die Luft ist voller Rauch vom Holzkohlenfeuer, man sieht kaum noch was. Kellner sind eifrig damit beschäftigt einen zu überreden in ihrem Lokal zu speisen. Es gibt Tajines (die marokkanischen Eintöpfe im Tonkegel) gegrillte Spieße, Lammköpfe und Füße und vieles anderes. Das meiste sieht sehr lecker aus und die Lokale sind gut gefüllt aber mir ist der Trubel zu groß und so ziehe ich mich ins ruhige Restaurant auf der Dachterrasse meines Hostels zurück.

Es ist Sonntag. Bewaffnet mit einem handgezeichneten Plan mache ich mich auf den Weg um die berühmte Medersa, die Koranschule zu besichtigen. Ich kämpfe mich durch die Souks auf die andere Seite der Medina. Endlich etwas mehr Luft und keine Souvenirverkäufer mehr. Dafür unendlich viele kleine Lebensmittelläden, Imbisse, schwer bepackte Esel und um die Ecken sausende Mopeds vor denen man sich in Acht nehmen muss. Das ist schon eher das Marrakesch, wie ich es mir seit Kindesbeinen vorstelle, aber doch anders. Ich irre wieder durch die Gassen, staune hier und dort und finde die Medersa nicht. Macht nix, schau ich mir dafür das Heimatkundemuseum an an dem ich zufällig vorbeikomme. Das ist zwar klein aber fein, recht interessant und befindet sich in einem sehenswerten Gebäude. Auf dem Rückweg zum Hostel komme ich an einem großen auffallend schönen Gebäude vorbei vor dem Wachen stehen. Ich finde das ein Foto wert. Kaum fixiert und abgedrückt, pfeift der Polizist auf der anderen Seite wie verrückt. Mir ist klar dass er mich meint. Also wechsle ich auf die andere Straßenseite zu ihm herüber und frage ihn scheinheilig was denn los sei. Natürlich weiß ich dass ich nicht fotografieren sollte und so muss ich ihm nun die Fotos zeigen und vor seinen Augen wieder löschen. Da hab ich noch mal Glück gehabt, dass er damit zufrieden war. Es hätte auch sein können dass er den gesamten Chip mit all den Fotos vom Vortag oder gar die ganze Kamera beschlagnahmt.

 

Zum Tee bei Medi, dem Reiki Meister

Ich stürze mich mutig zurück ins Gewühl der Souks mit dem Wissen irgendwann wieder am großen Platz, dem Djemaa El-Fna zu landen von dem aus ich inzwischen mühelos zu meinem Hostel zurückfinde.

Die Souvenirs die hier angeboten werden interessieren mich nicht, obwohl es sich dabei um farbenfrohe Tücher, Teppiche und so manches kunstvolle Handwerk handelt. Für Souvenirjäger ein wahres Paradies und es wimmelt nur so von Touristen hier – man spricht deutsch (und auch ab und zu ist englisch zu hören). Alles ist mindestens doppelt so teuer wie an der Küste, wo man die selben Souvenirs finden kann. Und natürlich muss man handeln, wie überall in Marokko. Mich interessiert nur das Flair, die Menschen, wie sie gekleidet sind, wie sie sich verhalten und wie sie so leben. Ich schlendere durch die Gassen und mindestens jeder zweite Händler spricht mich an, mit einem freundlichen Willkommen, woher ich sei, welche Sprache ich spreche und um mich zum Schauen zu überreden – nur schauen – schauen kostet nix. Alle sprechen französisch und englisch, die meisten sogar Deutsch. Sie sind alle nett und ich will nicht unhöflich sein und lasse mich oft einen Smalltalk ein oder antworte zumindest mit einem Lächeln und einem höflichen „Non, Merci“ denn ich will weder kaufen noch schauen. Zum Glück sind sie nicht aufdringlich und lassen mich spätestens nach dem 2. „Non Merci“ mit einem freundlichen Gruß wieder weiter ziehen. Zum Glück gibt es in den Souks nicht nur Souvenirläden sondern auch Handwerker denen man bei der Arbeit zuschauen kann. Jedes Handwerk hat ein einen eigenen Souk.

Nach 2 Stunden in den Souks, die ja sehr interessant zum Anschauen sind, fällt es mir schwer noch freundlich zu bleiben. Ich habe bestimmt schon 200 mal „Nein, danke“ gesagt. Ich kann nicht mehr. Ich beschließe sie von nun an einfach zu ignorieren und flüchte in eine etwas kleinere Gasse. Da ruft der Nächste in perfektem Deutsch „Sind sie Deutsche? Willkommen in Marokko!“ Ich wollte ihn doch ignorieren, aber finde das nun sehr unhöflich obwohl mir schon beinahe der Kragen platzt. Ich drehe mich zu ihm um und sage. „Entschuldigen Sie mein Herr, ich möchte nicht unhöflich sein und ihnen nicht zu nahe treten, aber sie sind heute Nummer 127 die mich das fragt und ich kann und will nicht mehr antworten. Nehmen Sie es bitte nicht persönlich aber ich habe weder Lust zu schauen, zu kaufen oder auch nur zu sprechen. Ich will einfach nur noch meine Ruhe, muss aber durch den Souk um zu meinem Hostel zu kommen“. Er scheint mich zu verstehen. Komm, setz dich ein wenig und ruh dich aus, bietet er an, und fährt fort dass er eigentlich in Deutschland lebt und dort mit einer Ärztin verheiratet ist, aber keine Arbeitserlaubnis hat und deshalb das halbe Jahr in Deutschland und das andere halbe Jahr in Marrakesch lebt. Er scheint vertrauenswürdig und ich nehme das Angebot gerne an, denn die Füße tun mir inzwischen auch weh. Es gibt in diesen Souks nirgendwo ein Eckchen wo man sich mal ausruhen könnte, es gibt ja nicht mal Cafes.

Er heißt Medi und sei Reiki-Meister. Über dem winzigen Laden vor dem ich nun sitze befindet sich sein Behandlungsraum. Und dann holt er seine Referenzbücher und liest mir vor wer alles bei ihm in Behandlung war, sowohl hier in Marrakesch wie auch in Deutschland. Aus aller Welt sind sie und natürlich hoch zufrieden. Er ist stolz auf die vielen ausgezeichneten Referenzen und betont immer wieder dass er ein „Heiler“ sei. Allmählich wird mir wieder die Raffinesse der Marokkaner bewusst auf die ich doch schon so oft hereingefallen bin und ich erkläre ihm dass es mir sooooo gut ginge, dass es bei mir absolut nichts zu heilen oder zu behandeln gäbe. Ich bin beinahe erstaunt, als er sagt, dass hätte er bereits bemerkt und jetzt will er wissen was ich denn so mache. Ich erzähle ihm vom Leben auf dem Schiff und da ist er total platt. Er steht auf, sagt so eine Frau sei ihm noch nie begegnet und dass sei einen Tee wert. Und er holt sein Tablett mit dem silbernen Teekännchen und den kleinen Gläsern und wir trinken gemeinsam Pfefferminztee während er alles wissen will. Jedem Passanten (es kommen viele befreundete Händler und Nachbarn vorbei) erklärt er wer ich sei und was ich mache - und so haben wir immer wieder wechselnde Gäste die mit uns Tee trinken und staunend zuhören was Medi ihnen übersetzt.

Frisch gestärkt und meine gute Laune zurückgewonnen verabschiede ich mich nach einer Stunde von Medi und kämpfe mich jetzt wieder mit einem freundlichen „No Merci“ auf den Lippen, weiter durch die Souks.

 

Die Flucht - Abendessen für 50 Cent

Die Begegnung mit Medi und eine anschließende Ruhepause im Park hinter der großen Moschee haben mich wieder so weit aufgebaut, dass ich mich stark genug fühle heute doch noch in die Mellah, das Judenviertel auf den Gewürzmarkt zu gehen. Dazu muss ich allerdings durch einen weiteren Souk. Es dauert nicht lange, ich bin noch gar nicht am Ziel angelangt da haben mich die Händler schon wieder ans Ende der gerade wieder gewonnenen Geduld gebracht. Ich verlasse die Souks, mache einen riesigen Umweg um zum Gewürzmarkt zu kommen. Aber auch da ruft mir jeder Dritte zu – da lang geht’s zum Platz, da lang geht’s zum Gewürzmarkt. Ich merke wie sich eine gewisse Aggressivität gegen diese Menschen meiner bemächtigt. Das haben sie nicht verdient, sie meinen es nur gut oder sind eben geschäftstüchtig. Sie haben doch nur ein Mal gefragt oder ein Tipp geben wollen aber für mich waren es Hunderte.

Als wieder einer ruft „Zum Gewürzmarkt, da lang“ ergreife ich die Flucht und laufe in irgendeine Richtung, nur nicht die empfohlene und erkläre jedem ich wüste schon wo ich hinlaufe. Ich weiß es nicht. Ich laufe lange und hoffe irgendwann durch ein anderes Tor von hinten in die Medina zurück und zu meinem Hostel zu kommen. Fehlanzeige. Ich bin in eine totale Sackgasse geraten stehe nun in einer Wohnsiedlung vor einer großen Mauer. Ein paar junge Männer fragen. Wo ich denn hin wolle? Ich will gerade wieder weglaufen, weiß aber nicht mehr wohin und bin total müde. Schon recht verzweifelt erkläre ich dass ich nur zurück will zum Großen Platz, aber nicht durch die Souks sondern da außen rum. Oh da geht es nicht weiter. Da kommt nur ein riesiger Friedhof, durch den es nicht durchgeht. Ich müsste einfach nur die Strasse zurück und immer geradeaus, immer den Menschenmengen nach und dann wäre ich wieder da. OOOOhhhhh nein, den ganzen Weg wieder zurück und wieder durch den Souk-Dschungel. Und wieder an all denen vorbei denen ich erklärt hatte ich wüsste schon wo ich hingehe. Es hilft nichts. Ich schleiche mich an denen vorbei deren Ratschläge ich vorher in den Wind geschlagen hatte (die werden jetzt sicher schadenfroh grinsen), ignoriere alle anderen und versuche über parallele Nebengassen mein Ziel zu erreichen. Ich bin müde und hungrig. Da entdecke ich einen Imbiss an dem eine Frau Pfannkuchen bäckt und beschließe einen mitzunehmen. Aber sie scheint mich zu ignorieren und bedient ein anders Paar das nach mir kam und alle Pfannkuchen aufkauft. Dann bin ich dran. Sie hatte nur auf den französisch sprechenden Sohn gewartet, der mich nun an die Minitheke hereinbittet und mir die verschiedenen Pfannkuchenarten erklärt die Mama machen kann. Mama bäckt mir einen großen marokkanischen Pfannkuchen mit Zwiebeln (die sind hier alle herzhaft und nicht süss wie bei uns) und der ca 25 jährige Sohn bringt mir frischen Pfefferminztee. Da sitze ich nun im Schutz des Minizimmerchens, esse meinen Pfannkuchen und kann ganz gelassen beobachten wie die Welt draußen vorbeizieht. Hunger und Durst sind gestillt, die Füße wieder gehbereit und nachdem ich meine Zeche von 5 Dirham (= 45 Cent) für das Abendessen bezahlt habe erreiche ich wenig später mein Hostel in dessen Schutz ich mich nun auf der Dachterrasse von einem anstrengenden Tag erhole. Mein Entschluss steht fest. So schnell wie möglich weiterziehen, weg aus dem touristischen, hektischen Marrakesch.

 

Marrakesch kann auch angenehm sein

Nach dem anstrengenden nervigem Sonntag in den Souks habe ich kein Verlangen mehr mich noch mal dort hin zu begeben. Auch auf Sightseeing habe ich keine Lust. Ich sehne mich einfach nur nach Ruhe und will so schnell wie möglich weg aus Marrakesch. Die anfangs ins Auge gefassten organisierten Rundreisen durch das Draa Tal mit den Oasen, in die Wüste nach Merzouga zum Kamelreiten mit Übernachten im Wüstencamp und in die Todra Schlucht habe ich wieder verworfen. Das ist ja wieder der selbe Touristenrummel. Ich will auf eigene Faust das Land erkunden. Ich will dort hin wo kein Bus Unmengen von Touristen ausspukt um sie nach einem Besuch im Souvenirladen und im Restaurant wieder einzusammeln. Ich will das echte noch unverfälschte Marokko erleben. Und so verbringe ich den größten Teil des Tages auf der Dachterrasse des Hostels mit Recherchen wohin die Reise als nächstes gehen soll. Die Wahl fällt auf Azilal auf der Nordseite des Hohen Atlas. Ein Ort in dem es keine Sehenswürdigkeiten gibt und in dem absolut nichts los ist. Von dort ist es nicht weit nach Ouzoud zu den höchsten Wasserfällen Marokkos. Die will ich mir auch ansehen und Übernachten werde ich auf einem Campingplatz.

Mit diesem Entschluss bin ich nun unterwegs zum Gare Routiere, dem Busbahnhof, um herauszufinden wie ich da hin komme.

Am Gare Routiere werde ich wie üblich von den Taxifahrern umringt. Nein, kein Taxi – ich fahre Bus. Mit diesen Worten schlängle ich mich zwischen ihnen durch zum Eingang des Bahnhofs wo mich schon der Nächste in Beschlag nimmt. Agadir? Essaouira? Und er zählt alle Städte auf in die Touristen normalerweise reisen. Nein, danke, ich will nach Azilal. Azilal? Er sieht mich ungläubig an. Was wollen Sie denn da? Da ist ja nichts. Genau deshalb. Er schüttelt den Kopf und meint ich sei verrückt. Er bringt mich zum Schalter, aber der Bus morgen früh ist bereits voll. Dann fahre ich eben mit dem mittags und er verkauft mir eine Fahrkarte. Ich solle mindestens 1 Stunde vorher hier am Schalter sein, denn wenn der Bus eher voll ist fährt er los.

 

Zufrieden verlasse ich mit meinem Busticket nach Nirgendwo den Bahnhof und such mir hinter dem Bab Doukala in einer Strasse in die sich so leicht kein Tourist verirrt einen Straßenimbiss. Dort sitze ich nun als einzige Frau unter vielen Männern und verspeise für nur 2,- € die köstlichste Tajine die ich in Marokko je gegessen habe und sehe dem Treiben auf der Strasse zu. Ja, so ist sogar Marrakesch zu ertragen.

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