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Carina's Logbuch

August 2018

Wie lange braucht man von Tahiti nach Samoa? - Der „Stille Ozean


Von Tahiti nach Samoa sind es 1316 Seemeilen, eine Strecke die auf der Carina in 11 bis 13 Tagen zu bewältigen ist. Jedoch diesmal sollte der „Stille Ozean“ seinem Namen alle Ehre machen.

  
Der Start

Ich starte frohgemut an einem Sonntag Spätnachmittags bei strahlendem Sonnenschein und einer angenehm frischen Brise.
Außerhalb des Riffs herrscht reges Treiben, viele Segelschiffe sind auf dem Rückweg von einer frischen Segeltour oder einem Ausflug auf die gegenüberliegende Insel Mo’orea. Alle haben sie es eilig noch bevor es dunkel wird ( und das wird es hier bereits kurz nach 18 Uhr) das schützende Riff und den dahinterliegenden Ankerplatz zu erreichen. Nur ich habe keine Eile. Wie schön. Vor mir die spektakuläre Kulisse von Mo’orea hinter der gerade die Sonne untergeht und hinter mir die 1000 Lichter von Pape’ete, Faa und Punaauia auf Tahiti. Ich genieße es. Die letzte Schnellfähre von Mo’orea nach Pape’ete quert verdammt knapp und schnell hinter Carinas Heck.

Dann aber schläft der Wind ein – hat der ein Glück, kann sich einfach schlafen legen während ich diese Nacht aufbleiben muss und sogar den Motor zu Hilfe nehmen muss um sicher an der Insel vorbeizukommen. Südlich von mir liegt nun Mo’orea und nördlich von mir kann ich das Navigationslicht eines Schiffes erkennen dass den selben Kurs einschlägt wie ich. Na super. Dann wird’s gar nichts mit Schlafen heute Nacht, muss das andere Schiff im Auge behalten. Ich verbringe den größten Teil der Nacht im Cockpit während die Inseln in der Ferne verschwinden und betrachte die Sterne über mir. Ein seltsam geformtes rötliches Licht erregt meine Aufmerksamkeit das langsam näher zu kommen scheint. Was für ein Schiff ist das denn? Bald klärt sich das Rätsel, es ist die Mondsichel, die seltsam teilweise mit Wolken verdeckt aufgeht und hier horizontal am Himmel schwebt, im Gegensatz zu Europa wo sie vertikal steht. Gegen morgen ist das andere (das Richtige) Schiff verschwunden und ich kann mich endlich ein wenig schlafen legen.

Der Tag bleibt unspektakulär mit wenig Wind aus Nordost und nur 2 Knoten Fahrt.
In der Abenddämmerung kann ich die Umrisse der Insel Huahine erkennen und dahinter liegt Raiatea – also wieder eine schlaflose Nacht um heil an den Inseln vorbeizukommen und wieder muss der Motor gelegentlich aushelfen.

Kurz nach Mitternacht frischt der Wind auf, der Motor wird nun nicht mehr benötigt. Gegen 02:00 muss ich raus und reffen. Der Wind hat inzwischen 6 Beaufort erreicht und kommt leider aus der falschen Richtung. Wieder mal von vorne. Ich versuche so gut wie möglich auf Nordkurs zu bleiben und bin schon bald auf Höhe der Insel Bora Bora aber dann dreht der Wind weiter auf NNW und mein Kurs wird W dann zu SW.


Squalls und andere Missliebigkeiten


Als ich morgens nach draußen gehe sehe ich eine dicke schwarze Wolkenwand auf mich zukommen und darunter heftigen Regen – ein Squall. Das sieht extrem bedrohlich aus. Schnell reffe ich das Vorsegel ganz weg, hab nur noch ein sehr stark gerefftes Großsegel draußen und schon ist der Wind da – gewaltig, heftig – schnell drehe ich das Schiff auf Vorwindkurs, stelle die Windsteuerung ein und mit den ersten heftigen Tropfen verschwinde ich nach drinnen – kann gerade noch den Niedergang rechtzeitig schließen bevor es richtig los geht. Und dann gießt es wie aus Eimern, der Wind tost, das Meer und die Luft sind weiß. Was für ein Glück dass ich noch alles rechtzeitig unter Kontrolle bringen konnte. Nun liege ich auf meiner Bank und warte bis alles vorbei ist. Leider muss ich dazu einige mühselig erkämpfte Meilen opfern und bin nun auf Südkurs – muss aber nach Nordwest.

Dann ist alles vorbei, der Wind, der Regen und ich hole das Vorsegel wieder heraus, bringe das Schiff zurück auf Kurs und bis ich fertig bin sehe ich den nächsten Squall heranbrausen. So geht das den ganzen Tag und die Segel bleiben nun auf minimaler Groesse. Der erste, so gewaltige Squall hat mir Respekt eingeflösst und nun bin ich vorsichtig geworden. Dadurch komme ich zwischen den Squalls kaum voran und während der Squalls zwar flott aber in eine unerwünschte Richtung.

Inzwischen ist es Abend und die nächste Insel, Maupiti, liegt auf meinem Weg. Durch die vielen Squalls vor denen ich ablaufen musste bin ich nun zu weit südlich um sie wie geplant nördlich zu passieren. Statt dessen hält mein Kurs direkt auf sie zu – und es ist natürlich wieder Nacht geworden. Wieder eine schlaflose Nacht in der ich die Insel so nah wie möglich südlich passiere. Der Wind hat weiter gedreht und ich segle wieder hart am Wind.

Der Wind wechselt zwischen 2 und 6 Beaufort ständig, Es regnet die meiste Zeit leise vor sich hin. Böen und Squalls machen mir das Leben schwer. Vor allem morgens, denn das ist die Zeit der heftigen Squalls.

Seit 3 Tagen habe ich es nicht mehr geschafft zu frühstücken oder wenigstens Kaffe zu kochen, da ich ständig mit den Squalls zu kämpfen habe. Ich kann überhaupt keinen brauchbaren Kurs mehr segeln, entweder es geht südwärts oder nach Nordosten, beides total verkehrt und der Motor muss wieder helfen um wenigstens eine halbwegs brauchbare Richtung einzuschlagen. Wasser kommt mit jeder Welle in heftigen Schwallen übers Schiff. Das Meer ist sehr rau und Carinas Bug kracht mit voller Wucht in jede Welle. Die Schiffsbewegungen sind sehr ruppig und unangenehm, ich habe nicht mal Lust etwas zu essen oder gar zu kochen. Ich nutze den Motorenstrom und schalte den Wassermacher an.

Mit samter Motorunterstützung kommen wir kaum voran. Wir machen kaum noch 2 Knoten Fahrt – und das mit Segel und Motor. Auch wenn ich mehr Gas gebe ändert das nichts an unserer Geschwindigkeit. Ich komme zu dem Schluss dass etwas mit dem Getriebe oder der Schraube nicht stimmt, aber was? Ich muss das überprüfen. Aber vorher muss ich noch schnell aufs Kloo. Auf dem Weg dorthin komme ich am Wassermacher vorbei der sehr seltsam klingt. Was ist los? Ein Blick auf die Instrumente … der baut ja gar keinen Druck mehr auf … hmmm, alle Hebel auf der richtigen Stellung? Ja! Was ist denn dann verkehrt? Ich brauch ihn doch, der kann doch jetzt nicht einfach versagen, bin doch noch so weit von Samoa entfernt. Ich schalte ihn erst mal ab, das muss ich später prüfen, erst aufs Kloo, dann Motor, dann Wassermacher. Eine Welle kracht mich gegen die Toilettentür. Mann, ich hab das alles soo satt, hab zur Zeit überhaupt keinen Spaß am Segeln und am Liebsten würde ich umkehren. Das geht nicht – ich hab ein Date in Samoa – am 25. August bekomme ich Crew, und die fliegt extra aus Deutschland dort hin.
Es hilft nix. Ich geh wieder nach draußen und kümmere mich um meinen Motor. Vorwärts – rückwärts - mehr Gas - weniger Gas … nichts hilft. Das Meer ist einfach zu rau und der Motor stampft sich fest. Motor aus, Motor an … nichts, erst eine Kursänderung bringt den erwünschten Erfolg. Der Motor ist ok, es sind die Bedingungen die ihn nahezu nutzlos machen.
Nun muss ich noch das Wassermacherproblem lösen. Alle Einstellungen noch mal überprüfen, das Druckventil ist zu, so soll es sein. Ich öffne es trotzdem mal, es ist soo fest zu dass ich eine Zange brauche (das soll eigentlich nicht sein) und ich schließe es wieder (diesmal nicht so fest) schalte den Wassermacher zum Test wieder ein und siehe da – er geht wieder. Sonderbar. Aber er funktioniert und das ist jetzt das einzig Wichtige.


Der „Stille Ozean“

Inzwischen ist der 6. Tag auf See angebrochen, ich habe erst 350 Seemeilen geschafft und der Wind hat mich nun total verlassen. Hab einen großen Teil des letzten Tages und die ganze letzte Nacht motort und bin immer noch viel zu weit südlich des zu segelnden Kurses. Hab inzwischen 25 Liter Diesel verbrannt, das ist mehr als ich über den gesamten Atlantik von Portugal nach Panama verbraucht habe. Das Meer ist spiegelglatt und nur der leichte Schwell lässt die Carina sanft hin und her schaukeln. Zeitweise lasse ich das Schiff einfach mit der Strömung treiben und frage mich ob ich jemals in Samoa ankommen werde. Arme Ingeborg, die dort vergebens auf mich am Flughafen warten wird um mit mir über Tonga nach Wallis zu segeln.

 Es ist Abend geworden und ein Hauch von Wind weht übers Meer. Ich schalte den Motor ab und versuch es unter Segeln. 1,5 Knoten, manchmal 2, viel zu langsam aber ich kann nicht ewig motoren, dazu habe ich nicht genug Treibstoff. Vor mir braut sich eine gewaltige schwarze Wolkenmasse zusammen und darunter gießt es was das Zeug hält. Es sieht extrem bedrohlich aus und ich bleibe im Cockpit um alles im Auge zu behalten, denn ich habe das volle Segel draußen. Ich halte mich bereit rechtzeitig zu reffen. Ich warte … aber nichts passiert. Die Wolkenwand steht auf der Stelle und rührt sich nicht. Der Regen darunter scheint nie aufzuhören oder leichter zu werden. Nach 1 ½ Stunden gebe ich auf. Es ist inzwischen dunkel und der Squall steht immer noch auf der selben Stelle. Ich geh nach drinnen und lese. Um 23:00 ist immer noch nichts passiert und ich lege mich schlafen.

 

Alles vergessen und vergeben - sie segelt wieder

Eine frische Brise bläht die Segel und treibt uns mit 4 bis 5 Knoten voran. Wir segeln auf Raumschotkurs bei nrur leichtem Seegang unserem Ziel entgegen, die Sonne scheint und kein Squall weit und breit zu sehen. Der Sonnenuntergang war wieder mal spektakulär und ich habe ihn wie üblich mit einer Tasse Tee (meinem Sundowner auf See) im Cockpit genossen.

So ist das, es braucht nur einige schöne Segelstunden und aller Ärger und alle Unpässlichkeiten der letzten Tage sind vergessen und vergeben. Es ist schon sonderbar, dass ein einziger schöner Segeltag für eine ganze beschis… Woche wieder gut machen kann. Na ja, wenn es nicht so wäre hätten wohl die Meisten von uns die Seglerei längst wieder an den Nagel gehängt.


Zu früh gefreut – die unendliche Geschichte des Stillen Ozeans

Die Nacht war wieder katastrophal, ich habe kein Auge zugemacht. Ein Squall nach dem anderen zog durch und zwischen den Squalls war so gut wie kein Wind. Segel reffen oder ganz wegrollen - und natürlich immer im Regen - und bis alles passt ist der Squall vorbei und wieder nur ein kleiner Lufthauch übriggeblieben. Segel raus und neu getrimmt und kaum ist man damit fertig ist der nächste Squall da. So geht das bis zum nächsten Morgen der sich mit gar keinem Wind ankündigt. Der Stille Ozean macht seinem Namen jetzt wieder alle Ehre. Motor an – und wieder muss er einen ganzen Tag und eine ganze Nacht aushelfen.

Ich nutze die ruhige Zeit und den schwächer werdenden Seegang um eine Prüfrunde übers Deck zu gehen. Da schwingt mir fröhlich das zweite Vorstag entgegen dass ich bei Nichtgebrauch seitwärts, neben den Wanten an steuerbord befestige. Hoppla, wie kann das denn sein? Unglaublich, der 5 mm starke Edelstahlring mit dem ich es an Deck befestige ist einfach durchgebrochen, ein ganz gerader glatter Bruch und das Stag hat sich inzwischen um den Mast gewickelt und in den Maststufen, am Radar und im Dampferlicht verhakt.
Ich benötige 30 Minuten bis ich alles entwirrt habe und das Stag wieder an seinen alten Platz gebracht und mit einer Leine (anstelle des gebrochenen Rings) wieder an Deck befestigt habe.

Ein klein wenig Wind (natürlich wieder gegenan, also aus der ungünstigsten Richtung) lässt uns ein wenig Richtung Südwest „segeln“. Dann ist er wieder ganz weg und der Motor übernimmt wieder. Das Meer ist diese Nacht so spiegelglatt dass sich die Sterne darin spiegeln. Trotzdem schalte ich den Motor ab (muss ja Diesel sparen) und lasse uns die ganze Nacht mit der Strömung treiben die mit 0,5 bis 1 Knoten westwärts setzt. Auch am nächsten Tag bleibt der Wind aus und wir motoren wieder. Hab gerade die letzten Reservekanister eingefüllt. Nun haben wir noch genau 40 Liter Diesel zur Verfügung um ans Ziel zu kommen.
Heute ist bereits der 10. Tag auf See und ich habe noch nicht mal die halbe Strecke (655 Seemeilen) geschafft. Der Wetterbericht prophezeit auch für die nächsten beiden Tage Flaute … der Stille Ozean eben.

 

Und so ging es weiter

Wieder eine windlose Nacht unter Motor. Jetzt bin ich wirklich am Ende des Diesels angekommen, hab nur noch 25 Liter und die muss ich für Notfälle und die Ansteuerung von Samoa aufheben. Zum Glück kam heute morgen der Wind zurück und jetzt segeln wir mit 5 Knoten auf Raumschotkurs unserem Ziel entgegen. Hoffentlich bleibt das jetzt so. Bereits 11 Tage unterwegs und noch 550 Seemeilen bis ans Ziel. Und während ich das hier schreibe ist der Wind gerade wieder eingeschlafen und wir dümpeln wieder mit 2 Knoten dahin …

Und so ging es weiter für die restliche Überfahrt – ab und zu mal ein Tag mit schönem Wind unter dem wir mit 5 bis 6 Knoten dahinrauschen und dazwischen wieder Tage lang Flaute. Sehr oft musste ich per Hand steuern da für die Windsteuerung zu wenig Wind und für den Autopilot zu wenig Strom vorhanden war.

2 Tage vor der anzunehmenden Ankunft (nach 16 Tagen auf See) schreibe ich an das Hafenbüro von Apia in Samoa das erforderliche E-Mail um meine Ankunft anzukündigen.

Am Dienstag abend lege ich mich wie üblich schlafen und als ich morgens aufwache ist es bereits Donnerstag, Ich habe in der Nacht die Datumsgrenze überquert, denn Samoa liegt im Gegensatz zu Amerikanisch Samoa auf der anderen Seite der Datumsgrenze und somit bin ich jetzt nicht mehr 11 Sunden später dran als ihr sondern 11 Stunden früher. Ein ganzer Tag meines Lebens ist mir abhanden gekommen.

An diesem Donnerstag um 13 Uhr erreichen wir nach 18 Tagen Apia, den Hafen von Samoa und rufen am Funk Portcontrol um uns anzumelden und die Beamten zum Einklarieren an Bord zu bitten.


Zusammenfassung

1300 Seemeilen Strecke für die ich 1500 Seemeilen segeln musste.
Wind zu Beginn aus NW mit bis zu 6 Beaufort, dann aus dem östlichen Sektor mit 2 bis 5 Bft oder gar kein Wind

18 Tage unterwegs – davon 15 Tage unter Segel und 70 Stunden = 3 Tage und 3 Nächte unter Motor

100 l Diesel verbraucht (das ist mehr als ich auf der gesamten Reise von Portugal bis Tahiti für insgesamt 11000 Seemeilen und 105 Tagen auf See verbraucht hatte)

Außer dem gebrochenen zweiten Vorstag keine Schäden am Schiff

Gerade noch in letzter Sekunde angekommen um Ingeborg am Flughafen in Samoa abzuholen

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