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Carina's Logbuch

Juli 2019 - Tonga

 

The Friendly Islands

Kotu- und Ha’apai Inseln – für jeden eine Insel

 

Wieder unterwegs – die Carina segelt wieder – unter vollen Segeln nordwärts. Das Wetter hat uns diesmal einen Streich gespielt und so haben wir Tongatapu bereits verlassen ohne etwas vom großen Heilala Festival mitzubekommen wegen dem ich eigentlich solange geblieben war. In wenigen Tagen wird der nächste Sturm erwartet und mindestens 3 Tage anhalten und danach gibt es die für mich ungünstigen Winde aus dem nördlichen Sektor. Wenn ich nicht sofort Tongatapu verlasse sitzen wir hier noch mindestens 2 Wochen fest. Und deshalb sind wir nun wieder unterwegs.

Am Morgen hatte ich noch mein Domestic-Cruising-Permit beim Zoll abgeholt das man braucht um von Inselgruppe zu Inselgruppe zu segeln. In jeder Gruppe muss man sich erneut an- und wieder abmelden. Danach noch meine Einkäufe erledigt, das Schiff startklar gemacht und um 16:00 verlassen wir Nuku’alofa.

Vor uns liegt eine Strecke von 120 Seemeilen, also eigentlich eine „Übernachtfahrt“ aber nachdem für heute und morgen so gut wie gar kein Wind angekündigt ist, werden es wohl 2 Nächte werden die ich unterwegs bin. Es ist in diesen mit Riffs und Korallen gespickten Revieren unbedingt notwendig bei Tag und gutem Licht, also nicht zu spät, anzukommen damit man sieht wo man „nicht“ hinfahren soll. Die Seekarten sind recht gut aber sie zeigen nicht alle Gefahren, das wär bei dieser Masse unmöglich. So bleibt das „gute alte Auge“ wieder mal das einzig verlässliche Navigationsmittel.

 

Begegnungen mit den „Großen“ – das war ganz schön knapp

Die ersten 3 Stunden geht es noch durch die Insel-Gruppe Tongatapu, erst mal die Abkürzung, vorbei an Fafa und Malinoa Island zwischen unzähligen Riffs hindurch und dann bei Einbruch der Dunkelheit doch besser auf den ausgetonnten Schifffahrtsweg den die Fähren, Fracht- und Fischerboote nehmen. Das Timing war nicht so optimal denn am Funk höre ich die Inter-Island-Fähre ihre Abfahrt von Nuku’alofa für 18:00 ankündigen (da wird es hier gerade dunkel) und höre das Containerschiff den Lotsen anfordern. Ich bin auf der Hut. Wenig später, ich quere gerade das Fahrwasser, sehe ich die Lichter von zwei großen Schiffen näher kommen. Das eine ist direkt auf meinem Kurs und kommt sehr schnell näher. Es scheint sich nicht entscheiden zu können ob es rechts oder links an mir vorbei oder wie es im Augenblick scheint einfach über mich drüberfährt. Normalerweise haben wir Segelschiffe Vorfahrt und jedes motorisierte Schiff, ganz egal wie groß (außer Fischer bei der Arbeit), muss uns ausweichen. Und das tun sie auch – zumindest hab ich nie etwas anderes bei meinen vielen Begegnungen erlebt. Hier aber hat das große Schiff Vorfahrt, da es der Schifffahrtsstraße folgt. Ich funk es besser mal an. Das Schiff antwortet und auf meine Frage an welcher Seite es mich passieren will lautet die Antwort „port to port“ also an unseren Backbordseiten (linke Schiffsseite). Hmm, das geht aber nicht, funke ich zurück, denn dazu müssten wir uns begegnen, ich fahre aber in derselben Richtung vor ihm her. Ok, dann passiert er mich an backbord. Kurz darauf funkt mich das große Schiff wieder an, sie würden nun doch an steuerbord passieren. Erleichterung auf der Carina als ich ihn tatsächlich mit wenig Abstand steuerbord an mir vorbeifahren sehe. Inzwischen ist das zweite große Schiff auf meiner Backbordseite sehr nahe gekommen. Aber das kommt leicht an mir vorbei. Oh, jetzt ändert es seinen Kurs. Mit all den vielen Lichtern an Bord kann man die rot und grünen Seitenlichter gar nicht sehen. Ich sehe nur dass sich der Winkel der anderen Lichter verändert und kann leider nicht genau erkennen in welche Richtung er nun fährt. Also auch ihn anfunken. Ich frage ihn ob er mich sehen kann (ich habe kein AIS – er kann mich also nur am Radar oder mit den bloßen Augen sehen). Ja, er sieht 2 Yachten. Ich hole mein Blitzlicht raus und er bestätigt dass er nun „mich“ sehen kann. Ich frag ihn ob mein Kurs ok ist, oder wohin ich ihn ändern sollte damit er mich nicht überfährt. Es sei so ok, sagt er und muss lachen als ich mich bedanke und mit den Worten verabschiede dass es für ein kleines Schiff immer sehr beängstigend sei einen Großen so nahe zu haben.

Ein weiteres Licht vor mir verschwindet allmählich in der Ferne und ein viertes passiert weit an backbord von mir. So viel Verkehr heute. Oft ist tagelang kein einziges Schiff unterwegs, aber heute kommen sie alle auf einmal und alle im Dunklen.

Aber jetzt ist erst mal Ruhe. Ich habe alle Wecker gestellt und jede halbe Stunde schau ich nach. Da ist nicht viel Schlaf zu bekommen. Nicht allzu lange später entdecke ich ein weiteres Licht vor mir. Nun bleib ich natürlich auf und behalte es im Auge aber noch ist es weit entfernt. Vermutlich ein Netz-Fischer, denn es hat neben vielen sehr hellen weißen Lichtern ein rotes blinkendes Licht. Die Lichter die gesetzlich vorgeschrieben sind, die wir in unseren Kursen lernen und die die tatsächlich benutzt werden in diesen Regionen der Erde sind nicht unbedingt die Gleichen. Man braucht viel Beobachtung und Fantasie um zu erahnen was man da vor sich hat. Er scheint auf alle Fälle still zu stehen. Ich geh nach drinnen um meine Logbucheinträge zu schreiben und meine Route zu überprüfen. Als ich wenige Minuten später wieder rausschau erschrecke ich. Das Schiff ist plötzlich nur wenige Bootslängen an backbord voraus und hat jetzt alle seine Strahler auf mich gerichtet. Es ist ein Fischer – ich muss ausweichen - das ist eindeutig klar, aber wie der plötzlich so nahe kommen konnte …? Also Pinne rum, Segel dicht geholt und nach steuerbord weg. Uuff, gerade noch mal gut gegangen. Das war aber dann zum Glück die letzte Begegnung dieser Nacht und ich bin froh als um 07:00 Uhr morgens die Sonne aufgeht.

Der Wind hat inzwischen viel früher als angekündigt aufgefrischt und wir sind mit 5 bis 6 Knoten flott unterwegs. Das ist zu schnell für meine geplante Ankunft aber zu schön um das Schiff zu bremsen. Also lass ich es weiter laufen und rechne mir aus, dass ich eine Insel der Kotu-Gruppe noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen könnte. Das würde mir eine weitere aufregende und schlaflose Nacht zwischen den Motus, den kleinen Inseln, ersparen. Und so ändere ich nun meine Route und nehme Kurs auf Ha’afeva-Island.

Ich freu mich schon auf all die kleinen Inseln die als bestes Schnorchelrevier der Südsee bekannt sind, vergleichbar mit den Tuamotus, nur weniger bekannt und besucht. Und ich freu mich auf die Wale die hier von Juni bis Oktober anzutreffen sind um zu kalben und ihre Jungen großzuziehen bevor sie für den Südsommer in die Antarktis zurückkehren.

 

Trauminseln, gefährliche Riffe und verwirrende Tonnen

Am frühen Nachmittag erreiche ich die ersten Riffs und segle an den Bilderbuch-Inselchen vorbei. Kreisrund, Palmen in der Mitte und außen rum goldgelber Sand. Und alles umgeben von einem Riff an dem sich die Wellen brechen. Weitere kleine Inseln kommen in Sicht und unsichtbar unter Wasser lauern weitere Riffs. Gut dass es dazwischen mehrere Hundert Meter tief ist. Faszinierend. 500 m tief und ein paar Meter daneben schaut ein Mini-Inselchen aus dem Wasser und noch eins und noch eins. Was für ein eindrucksvolles Unterwassergebirge über das ich da segle. Da kommt auch schon Ha’afeva in Sicht. Auch diese Insel liegt hinter einem Riff. Ein schmaler Durchbruch im Riff führt in die Lagune. Laut Karte gibt es 2 grüne Tonnen nebeneinander (welch ein Unsinn) die die Durchfahrt markieren. Bei genauer Betrachtung steht eine Tonne an der Kante des Riffs und man kann sie nur an steuerbord passieren, während man an der anderen an beiden Seiten vorbeifahren kann, wobei die rechte Seite aber sehr flach wird.

Die Wirklichkeit hat nur eine Tonne – ohne Farbe – ohne irgendeine Form oder Merkmal das seine Bedeutung erkennen ließe. So genau sind die Karten dann doch nicht um zu wissen welche der beiden theoretischen Tonnen diese nun sei. Der untere Bereich der Tonne ist rot. Ich bin total verwirrt. Statt 2 grünen Tonnen laut Karte nun eine rote Tonne in der Realität? Rote Tonnen muss man an steuerbord passieren und wenn es doch einer der beiden grünen von meiner Karte ist, wäre ich auch an steuerbord auf der sichereren Seite. Also passiere ich sie an steuerbord und lande genau auf der flachsten Stelle – zum Glück noch 2 Meter tief und somit kein Problem, aber aufregend. Dann bin ich drin. Es ist 17:00 Uhr und das Licht noch gut genug um im klaren Wasser zu erkennen was da unter mir liegt. Ich such zwischen all den Korallen eine sandige Stelle und lasse den Anker in 6m in den Sand fallen. Die Abendsonne leuchtet die palmenbestandene, von gelbem Sand umringte, scheinbar einsame Insel vor mir an und legt sich dann hinter Tofua und Tao schlafen, den einzigen hohen Inseln Tongas mit 500 und 1000 m. Und auch die etwas übernächtige Erika legt sich nun gleich schlafen. Bei einem letzten Rundumblick kann ich noch sehen dass die undefinierbare Tonne nun grün blinkt. Ich bin somit genau auf der falschen Seite vorbei gefahren.

 

Ha’afeva Island - eine spannende Nacht vor Anker und einsame Zeiten im nicht enden wollenden Sturm

Ich habe sehr lange geschlafen in dieser ersten Nacht nach der Überfahrt – zu lange – nun ist es eigentlich schon zu spät um weiter zu segeln zu den Ha’apai Inseln. Na dann bleib ich halt hier. Bin eh neugierig wie es da drüben auf der Insel Ha‘afeva aussieht. Aber der Wind wird im Laufe des Tages zu heftig so dass ich mich nicht trau den Außenborder ans Beiboot zu hängen um an Land zu fahren. Auch der Katamaran neben mir, das einzige Schiff weit und breit, hat sein Beiboot hochgeholt und bleibt an Bord.

Ich sehe rund um mich herum das schützende Riff, die Insel und die Tonne deren roter Anstrich sich nun als rostiger unterer Teil darstellt der nur bei Niedrigwasser aus dem Wasser schaut. In meinen Revierführern lese ich dass auch andere Schiffe bereits darauf reingefallen sind und rostige Tonnen als rote eingestuft haben. Na da bin ich ja nicht allein.

Es gibt einen verfallenen Steg, eine Rampe, also die Wharf an der eigentlich die Inselfähre festmachen sollte. Ich sehe einen Pickup dort ankommen der jede Menge Sachen an diesem Steg ablädt. Es scheint dass ein Schiff erwartet wird. Aber es kommt keines - stattdessen regnet es und ich geh nach drinnen um zu kochen. Es ist längst dunkel da sehe ich ein sehr helles Licht. Was ist das? Auf der Insel ist es nicht, dafür ist es zu weit links. Es muss genau auf dem Riff sein. Ich hole das Fernglas und kann ein großes Schiff sehen, so eines wie das, das mich bei der Ausfahrt von Tongatapu überholt hat. Na es wird vorbeifahren, raus aufs offene Meer, denk ich. Aber es scheint fast still zu stehen und leuchtet mit einem sehr hellen Strahler das Wasser ab. Jetzt dreht es auf mich zu. Ich fass es nicht, der wird doch nicht ins Riff hineinkommen? So ein Riesenschiff! Und wenn doch, das ist doch die falsche Seite, hier ist der Durchbruch noch viel schmäler. Die betonnte Einfahrt ist auf der anderen Seite, aber das große Schiff leuchtet weiter das Wasser aus und ganz langsam arbeitet es sich durch den schmalen Durchbruch. Das Schiff kommt auf mich zu. Ob es mich und den Katamaran sieht? Am Steg sind jetzt auch Taschenlampen und Scheinwerfer eines Autos zu sehen. Das ist jetzt aufregend. Ich hole mein Blitzlicht und hänge es am Heck auf, so dass er mich sicher nicht übersehen kann. Ganz langsam fährt der Große ca. 2 Bootslängen hinter meinem Heck vorbei und wirft dann den Anker. Es ist eine große Fähre und es hat einige Container auf Deck. Scheinbar müssen die Passagiere und Waren nun mit kleinen Booten zum Steg hinüber gebracht werden. Das ist so spannend dass ich im Regen im Cockpit mit dem Fernglas verfolge was da passiert. Jetzt packt der auf dem Schiff montierte Kran einen Container und lädt ihn auf eine kleine schwimmende Plattform die nicht viel größer ist als der Container selbst. Vier Männer bemühen sich den stark hin und her schwingenden Container zu fangen und auf der ebenfalls extrem schaukelnden Plattform zu landen. Ich fürchte jeden Moment wird einer der Männer vom Container erschlagen oder über Bord geworfen. Dann endlich sitzt der Container auf dem Minischiff dass sich nun unbeleuchtet auf den Weg zum Steg macht. 2 weitere kleine Fischerboote, ebenfalls unbeleuchtet, kreisen um die Fähre um zu laden und zu entladen, Waren und Passagiere werden hin und her chauffiert. Alles passiert im Dunklen im strömenden Regen, wie bei den Schmugglern kommt es mir vor und vor lauter Spannung verspeise ich eine halbe Dose Erdnüsse als Nervenfutter. Der Container wird auf den Steg entleert und gleich wieder mit den Waren die am Nachmittag dort abgeladen wurden befüllt und zurück zur Fähre gebracht. Die anderen beiden Boote pendeln ebenfalls mehrfach zwischen Steg und Fähre und nach 2 Stunden macht sich die Fähre wieder auf den Weg. Diesmal durch die Ausfahrt bei der Tonne. Jetzt bin ich aber neugierig wo sie langfährt. Nein, ich glaub es nicht – auch sie fährt an der falschen Seite vorbei, aber mit etwas mehr Abstand als ich. Die kleinen unbeleuchteten Boote die aus dem Nirgendwo aufgetaucht waren sind nun auch wieder im Nirgendwo verschwunden genauso wie das Auto und am Steg sind alle Taschenlampen erloschen. Der Spuk ist wieder vorbei und es ist wieder ruhig wie eh und je am Ankerplatz.

Den ganzen nächsten Tag ist der Steg und die gesamte Insel die wir von unseren Schiffen aus sehen können wieder wie ausgestorben.

Ich habe beschlossen hier vor Ha’afeva vor Anker zu bleiben bis der angekündigte Sturm vorbei ist, denn es bläst bereits mit 30 Knoten aus der Richtung in die ich segeln müsste. Hier am Ankerplatz ist es recht geschützt und das Wasser ganz ruhig. Erst als der Wind auf NE dreht kommen die Wellen bei Hochwasser übers Riff so dass es doch noch etwas ungemütlich wird. Trotzdem ist das hier der beste Platz in der gesamten Inselgruppe der Kotu und Ha’apai Inseln um einen Sturm abzuwettern.

Der Katamaran nutzt die für ihn bessere Windrichtung und startet südwärts, zurück nach Tongatapu. Die Carina bleibt allein zurück und am nächsten Morgen regnet es in Strömen

In den nächsten Tagen weht es mit 40 bis 50 Knoten. Keine Chance den Ankerplatz zu verlassen und leider auch zu stürmisch um mit dem Beiboot an Land zu fahren.

Der Himmel hat wieder alle Schleusen geöffnet – es gießt wie aus Eimern, tagelang. Wieder hängen Eimer unterm Bimini und im Cockpit stehen Kanister um das gesammelte Wasser zu filtern und in den Tank umzufüllen.

Carinas Tank und alle Kanister sind inzwischen randvoll mit frischem Regenwasser und noch immer ist kein Ende in Sicht. Ich bin nun schon eine ganze Woche hier. Es ist frustrierend nicht von Bord zu können – es ist immer noch zu stürmisch fürs Beiboot das inzwischen auch randvoll mit Regenwasser ist. Und allmählich fühle ich mich auch ganz schön einsam hier.

Im Schiff ist es feucht – es regnet zwar nicht rein aber die ewige Luftfeuchtigkeit hat sich im Schiff festgesetzt. Alle Klamotten in den Schränken sind feucht und beginnen zu modern, der Schlafsack ist klamm und meine Füße immer irgendwie nass. Raus kann man auch nicht bei dem Sauwetter. Immer noch fegen Böen mit 35 Konten über den Ankerplatz. Es wird Zeit dass der Sturm, der nun schon 8 Tage andauert, endlich aufhört denn nicht mal ordentlich schlafen kann man bei der heftigen Schauklerei. Aber noch ist kein Ende in Sicht. Die Ha’apai Inseln, die Schnorchelreviere, die Wale und der Zollbeamte in Pangai werden noch etwas auf mich warten müssen.

 

Ha’apai Gruppe – James Cooks „Friendly Islands” und Meuterei auf der Bounty

Ha’apai - eine Inselgruppe die schon vor Hunderten von Jahren in die europäische Geschichte Einzug gehalten hatte.

Hier kam James Cook 1777 an und er war so beeindruckt von der Gastfreundschaft der Tonganer dass er den Inseln den Namen „Friendly Islands“ gab. Was er allerdings nicht wusste: die Bewohner der Insel Lifuka planten ihn zu töten. Er entkam seinem Schicksal nur weil sie sich nicht einigen konnten ob sie ihn am Tage oder in der Nacht umbringen sollten.

12 Jahre später, am 28. April 1789 auf der nur wenige Seemeilen entfernten Insel Tofua: Meuterei auf der Bounty! Fletcher Christian setzt Kapitän William Bligh mit 18 Mann Besatzung in einer Barkasse aus. Auch er wurde von „James Cooks freundlichen Inselbewohnern“ angegriffen und musste fliehen. Er schaffte es in dem Ruderboot bis zur Insel Timor zu kommen, einem damals niederländischen Stützpunkt. Unglaublich - ich hab grad mal nachgeschaut, das sind fast 4000 Meilen.

Friendly Islands heute:
Zum Glück sind diese Zeiten vorbei und Tonga, das sich noch heute „Friendly Islands“ nennt, hat wirklich sehr freundliche Bewohner. Man braucht sich nicht mehr vor ihnen und auch nicht um sein Hab und Gut fürchten. In Ha’afeva kam jeden Tag ein Mann an den Steg pfiff, rief und winkte – schwenkte sein T-Shirt um sich bemerkbar zu machen. Leider war ja das Wetter so stürmisch dass ich das Schiff nicht verlassen konnte. Aber ich werde mit dem Beiboot hinüberfahren um ihn zu treffen falls dieses miserable Wetter hier sich jemals bessern will. Denn seit ich in Tonga bin (nun schon 6 Wochen) ist das Wetter gar nicht „friendly“. Das ist bereits der 4. Sturm. Normalerweise ist sowas auf einen Tag erledigt, aber hier dauert das jeweils mindestens 3 Tage und der letzte nun schon über eine Woche. Es kann also nur besser werden – so denkt zumindest die immer optimistische Erika.

 

Endlich an Land auf Ha’afeva – Begegnungen

Nun ankere ich bereits 9 Tage vor Ha‘afeva und habe noch keinen Fuß an Land gesetzt. Heute hat es zumindest aufgehört zu regnen und endlich kommt die Sonne wieder mal zum Vorschein. Was für eine Wohltat. Endlich wieder mal raus aus dem Schiff, im Cockpit sitzen. Für einen Landgang ist das Meer jedoch noch zu rau und der Wind immer noch zu heftig. Stattdessen hole ich alle Klamotten aus den Schränken und hänge sie zum Lüften und Trocknen auf.

Am 10. Tag hat sich der Wind etwas besonnen und auch das Meer hat sich wieder beruhigt. Jetzt müsste ich eigentlich die letzten 20 Meilen zur Ha’apai Gruppe in Angriff nehmen um endlich in Pangai einzuklarieren. Aber es ist Feiertag, des Königs Geburtstag, und dann ist Wochenende. Der Zoll hat geschlossen und so macht es keinen Sinn bereits nach Pangai auf der Insel Lifuka zu segeln. Ich bin froh darüber. So kann ich noch ein wenig hier bleiben und mir endlich die Insel ansehen deren Sandstrand, Palmen und vereinzelte Inselbewohner ich bisher nur per Fernglas von Bord aus betrachten konnte.

Gleich nach dem Frühstück schöpf ich das Beiboot leer, hänge den Außenborder dran und bin nun startklar zum ersten Landgang. Wo bleibt eigentlich heute mein winkender Tonganer? Sonst war er immer zwischen 10 und 11 am Steg – es ist bereits Mittag und er war noch nicht da. Ich starte zum ersten Landgang da sehe ich ein Segelschiff das auf die Riffeinfahrt zuhält. Juhuuu ich bekomme Nachbarn, denn inzwischen fühle ich mich doch sehr einsam hier.

An der vom letzten Hurrikan zerstörten Wharf kann ich das Beiboot an den noch erhaltenen Stufen festmachen. Es hätte ohnehin keine andere Möglichkeit gegeben an Land zu kommen denn wie befürchtet liegt vor dem goldenen Sandstrand das Riff über das ich mit dem Gummiboot nicht drüber käme ohne dass ihm die Luft ausginge.

Einerseits würde ich gerne ins Dorf auf der anderen Seite der Insel wandern, andererseits lockt aber auch der Sandstrand und das Riff. Ich entscheide mich für den Strand. Der Sand ist fein und goldgelb. Der Busch so dicht dass man nicht hinein kann. Palmen, Pandanuss, Laubbäume und dichtes Unterholz verwehren jeden Blick ins Inselinnere. Ich bin bereits an der Südspitze der Insel da sehe ich Menschen auf dem Riff umherwandern. Endlich Lebewesen – und ich freu mich auf die erste Begegnung mit den Insulanern. Aber da sehe ich eine Horde Hunde. Soll ich weitergehen? Umdrehen? Zu spät! Sie kommen mit lautem Gebell auf mich zu. Ich gehe langsamer und hoffe sie werden von den Insulanern zurückgepfiffen. Sie umkreisen mich bereits und ich versuche drohend auszusehen und zu klingen, da kommt endlich eine Frau vom Riff und schickt die Hunde weg. Sie hat Fische gefangen und deutet auf den Sack in ihrer Hand - ob ich welche haben wollte – sie bräuchte Geld für ihre Familie. Nein, ich hab gar kein Geld bei mir und mir ist auch grad nicht nach Fisch. Ich frag sie ob es noch weit ins Dorf ist und ob ich da Brot, Obst und Gemüse bekäme. Ja, das wäre weit und Brot gibt es ohnehin keines auf der Insel, nur Kekse. Obst und Gemüse wächst hier nicht, es ist zu feucht. Bestenfalls ein paar Papayas. Ja was esst ihr dann? frag ich sie. Fisch und Muscheln und sie deutet wieder auf ihren Sack. Ja aber ihr könnt doch nicht nur Meeresfrüchte und Muscheln essen. Ja manchmal essen sie auch Huhn oder Schwein und ganz selten auch mal Rind. Mir scheint es gibt keinerlei Gemüse als Beilagen dazu. Wie empfohlen kehre ich um, wandere zurück zur Wharf um die Straße ins Dorf zu nehmen die ich dort gesehen habe. Straße ist wohl übertrieben – es ist nur ein schmaler Feldweg der durch dichten Palmenwald führt. Vögel pfeifen, es ist angenehm schattig und immer wieder liegen am Wegesrand große Häufen Kokosnüsse. Unter einem Baum sehe ich Menschen - und wieder Hunde! Und schon sind die Hunde mit lautem Gebell bei mir, vor mir, hinter mir –vor lauter Aufregung schimpfe ich sie auf Deutsch und rufe auch zu den Leuten auf Deutsch, sie sollen doch bitte ihre Hunde zurückrufen. Ein kleines Mädchen hält weitere Hunde zurück und die beiden Erwachsenen schauen mich verwundert an. Ich besinne mich dass sie mich ja nicht verstehen und sprech nun wieder englisch. Ob ich besser umkehren solle? Ich erkläre ihnen dass ich von dem Schiff da draußen sei und will wissen ob es weit ins Dorf sei. Nein nein, ich könne einfach weitergehen, es ist nicht mehr weit und wegen den Hunden muss ich mich nicht sorgen.  Die Hunde bekommen ein paar Kokosnüsse auf den Hintern geworfen und schon ist der Weg frei. Die Frau flicht wunderschöne Körbe aus Pandanussblättern, er sagt nicht viel, scheinbar kann er nicht so gut Englisch aber er lächelt freundlich während er mit den Kokosnüssen hantiert. Nach ca 200 m endet mein Weg vor einem kleinen See – Überschwemmung – von den heftigen Regenfällen der letzten Tage. Ob ich da einfach durchwaten soll? Man kann nicht sehen wo der Weg lang geht und wie tief das Wasser ist, auch die Bäume ringsherum stehen im Wasser und weiter hinten sehe ich einige Kühe. Die haben hier Hörner und mit so einem Horn hab ich bereits vor Jahren in Madagaskar eine sehr schmerzhafte Bekanntschaft gemacht. Ich trau mich nicht weiter zu gehen und kehre um. Die kleine Gruppe ist verwundert dass ich bereits zurück bin. Sie denken sicherlich ich bin ein Weichei als ich erzähle dass ich mich nicht durchs Wasser und an den Kühen vorbei getraut habe. Ich könne ja mit dem Schiff außen rum fahren, meint sie tröstlich und er bietet mir eine Kokosnuss an. Ja die hätte ich gerne, aber ich kann sie ja nicht aufmachen. (Ihr erinnert euch sicher an meine letzten mühseligen Versuche). Er nimmt eine Nuss die bereits einen Trieb hat, spaltet sie mit der Machete von allen Seiten auf, so dass sie zwar noch zusammenhält aber ich leicht ans Innere komme und reicht sie mir. Wow, ist die gut, die Kokosmilch im Inneren ist bereits fermentiert so dass sie komplett gefüllt ist mit der absoluten Delikatesse einer Kokosnuss, die eine marshmallowartige Konsistenz hat, saftig ist und leicht süßlich schmeckt. Mit diesem Schatz in meinen Händen mach ich mich auf den Weg  zurück zum Beiboot neben dem nun ein weiteres schaukelt. Meine neuen Nachbarn sind auch an Land. Ich lege die Nuss ins Boot da höre ich ein lautes „Hello“ und erblicke auf dem Steg einen tongaischen Wuschelkopf der auf einem Fahrrad angerauscht kommt. Bist Du der, der jeden Tag gewunken hat? frag ich ihn. Ja, er riecht mir die Hand gibt mir vor lauter Freude dass er endlich erhört wurde ein Küsschen auf die linke Backe. Er könne mir Papayas und Kokosnüsse und Limonen bringen und noch was ganz Wunderschönes hätte er für mich, er weiß nur nicht wie es auf Englisch heißt – sein englisch ist nicht so besonders gut. Und er möchte gerne meinen Palast sehen. ????? Ich versteh nicht was er meint. Er möchte auf mein Schiff kommen und es sehen, denn unsere Schiffe wären alle Paläste, so wie das Haus des Königs. Da mag er recht haben, verglichen mit den armseligen Behausungen hier leben wir wirklich in schwimmenden Palästen. Wir vereinbaren dass wir uns morgen um 10:00 am Steg treffen. Er radelt von dannen und ich wandere den Strand in die andere Richtung davon und bestaune die Korallen die jetzt aus dem Wasser schauen. Da höre ich ihn schon wieder rufen. Er ist bereits zurück. Das ging aber schnell. Er zieht aus seinem Rucksack eine wunderschöne Triton Muschel. So eine riesige und schöne hab ich noch nie gesehen, die ist bestimmt 40 cm lang. Und er taucht sie ins Wasser was ihre Farben wunderschön leuchten lässt. Du musst sie lackieren sagt er dann behält sie die Farbe. Aber ich kann leider keine Muscheln brauchen. Für so ein Riesending ist kein Platz auf der Carina. Und man bekommt nur Schwierigkeiten beim Zoll. Er versteht dass sie nur kaputtgehen würde wenn ich wieder auf See bin und dass es schade um diese wunderschöne Riesenmuschel wäre. Da zieht er eine Handvoll kleinere sehr schöne Muscheln aus dem Rucksack die er mir schenken will. Er nimmt es mir zum Glück nicht übel dass ich auch diese ablehne und wir verabschieden uns wieder mit „Bis morgen“. Als ich zum Beiboot zurückkehre sehe ich das Fahrrad noch immer oder schon wieder am Steg. Ich will gerade in mein Boot klettern da hör ich ihn auch schon rufen – „komm hierher“ - und ich sehe dass er unter den Palmen ein Feuer entzündet hat. Ich klettere zu ihm hinauf und er reicht mir eine noch grüne Kokosnuss zum Trinken. Hmm ist die gut und erfrischend und so sitzen wir nun am Feuer, trinken Kokoswasser schauen durch die Palmwedel aufs Meer und plaudern. Da kommen meine neuen Nachbarn zurück und er ruft auch sie zu uns herauf. Wir kennen uns bereits flüchtig aus Nuku‘alofa. Lynn und Andrew bekommen auch eine frische Kokosnuss. Meine ist inzwischen leer und Lotou, unser neuer tongaischer Freund hat inzwischen das frische noch leicht glibberige Kokosfleisch ausgelöst und reicht es mir. Wir werden noch einig Kokosnüsse trinken und verspeisen während wir eine Bestellung für Kokosnüsse, Papayas, Bananen und Limonen aufgeben und beschließen, morgen alle 4, gemeinsam ins Dorf zu laufen.

Bis ich zurück an Bord bin geht die Sonne bereits unter und als Abendessen gibt es heute Kokosnuss mit nix dazu. Nicht weil ich nichts anderes mehr an Bord hätte sondern weil sie so gut war dass ich gar nichts anders mehr gebraucht habe.

 

Im Dorf

Samstagmorgen - Sonnenaufgang - ich bin schon wach. Heute wollen wir ja ins Dorf und die Krankenschwester Ana finden, denn Lynn und Andrew haben jede Menge Lesebrillen aus Neuseeland mitgebracht die sie dort abliefern wollen. Das kleine Insel-Krankenhaus in dem Ana arbeitet ist für all die umliegenden Inseln mit insgesamt 4000 Einwohnern zuständig und Brillen werden dringendst gebraucht. Am Steg erwartet uns eine Horde Hunde (oh nein - nicht schon wieder) und Lotou mit einem Schubkarren voller Kokosnüsse, Brotfrucht, Papayas, Zitronen und einigen Zweigen an denen winzige scharfe Pfefferoni hängen. Die Hunde sind heute sehr freundlich (es sind dieselben wie die gestern im Wald). Wir teilen uns die Waren auf, legen sie ins Beiboot und fragen Lotou was er dafür will, Tauschen oder Geld? Er will Geld. Wieviel? Er zuckt er nur die Schultern und überlässt es uns den Preis festzulegen. Unser Angebot 20 Paanga dafür zu zahlen (=8 Euro) findet er ok. Und dann traben wir hinter ihm her auf dem Weg ins Dorf. Der Überschwemmungssee ist etwas flacher geworden aber trotzdem waten wir über 100 m durch knöcheltiefes Wasser. Die Kühe sind heute nicht da.

Wir erreichen das Dorf in dem ca 100 Leute leben. An einer kleinen Holzhütte mit den Rotkreuz-Zeichen darauf  klopfen wir an. Es wundert uns nicht dass dies das Krankenhaus sein sollte  - auf solch abgelegenen ärmlichen Inseln gelten andere Maßstäbe. Ein junger Mann kommt verschlafen heraus. Drin ist eigentlich nichts, ein paar Klamotten und eine Tasche auf dem Boden - seltsam. Nein, er ist weder Patient noch Arzt und das ist auch nicht da Krankenhaus sondern nur die zugehörige Lagerhütte. Er hätte sich hier nur etwas ausgeruht. Ana wohne im Haus nebenan und das Haus dahinter sei das Krankenhaus. Ja, das sieht schon besser aus und ein großes Schild bestätigt dass wir hier im Community Health Center sind. Es ist nicht größer als ein kleiner Einfamilien-Bungalow bei uns, eher kleiner und es ist verschlossen. Ana haben wir leider nicht angetroffen aber eine andere Frau die ebenfalls fürs Krankenhaus arbeitet nimmt dankbar die vielen Brillen entgegen. Sie ist etwas verlegen weil sie nichts haben was sie uns im Gegenzug geben könnten. Das macht nichts, wir wollten eh nichts dafür.

Ich sehe einen dicken Tonganer mit Bastmatte um die Hüfte vorbeilaufen. Er hat eine Tüte voller Taroblätter. Die kann man wie Spinat zubereiten. Und ich frage ihn ob man die kaufen kann. Ja, im Laden da drüben. Ein Weg zweigt hier ab und ich sehe schon ein kleines blaues Häuschen, ein Fale Koloa. So hießen die Miniläden in die man nicht hineingehen kann. Stattdessen kauft man durch ein offenes Fenster ein. Drin sitzt eine Frau die so beschäftigt ist mit ihrem Smartphone dass sie gar nicht aufblickt als wir den Kopf durchs Fenster stecken und sie freundlich begrüßen. Auf der Verkaufstheke sitzt ein Mann und sortiert Waren. Wir begutachten was in den Regalen hinter ihnen ist. Gar nicht schlecht sortiert. Konserven, Reis, Nudeln, Zucker, Kosmetikartikel, Flipflops, Batterien, eigentlich alles Notwendige für den täglichen Bedarf. Ob es Brot gäbe frage ich – sie schütteln den Kopf – nein sowas gibt es hier nicht, nur Biskuits. Ob sie Gemüse haben? Nein auch nicht. Ich sehe einen Berg Taroblätter liegen. Ob die zu kaufen sind? Ja, 3 Paanga das Pakerl. Wir kaufen jeder ein Paket Taroblätter. Wir plaudern noch ein wenig mit den Beiden und werden spontan für Sonntag zum Mittagessen eingeladen. Es gibt Huhn, Tongaisches Essen sagt sie, die inzwischen auch von ihr Smartphone zur Seite gelegt hat. Was sie dafür wollen oder was wir ihnen bringen könnten, fragen wir. Ach nichts – it’s up to you. Alles klar. Sie verlangen nichts, freuen sich aber über ein Gastgeschenk. Für uns ist das ohnehin selbstverständlich nicht mit leeren Händen zu erscheinen und wir freuen uns auf morgen. Aber wo sollen wir denn hinkommen? Es gibt weder Straßennamen noch Hausnummern hier. Seht ihr den Pickup vor dem Laden? Ja! Ok dann folgt ihr dieser Straße bis ihr das Auto seht, da wohnen wir. Na das wird spannend. Nicht wegen dem Finden – es gibt hier nur 4 oder 5 Autos im Dorf, sondern wegen der Leute, zu sehen wie sie wohnen und was es zu Essen geben wird.

Am Strand wird gerade ein Auto, ein Pickup, angeliefert. Es befindet sich auf einer Barge die nicht größer ist als das Auto selbst. (Eine Barge ist sowas ähnliches wie eine Zille) Die Barge schaukelt in den Wellen und wird von 4 Männern gehalten, die hüfthoch im Wasser stehen. Wie kommt das Auto auf das kleine Schiff? Und wie vom Schiff an Land? Das muss ich sehen! Und so setz ich mich auf die Ladefläche eines dort parkenden Lastwagens und beobachte das Geschehen. Viele junge Männer sind eifrig beschäftigt Paletten, Bretter und Ölfässer aufs Schiff zu laden um daraus eine Rampe zu bauen über die das Auto zur Bootskante hoch fahren soll - und dann? Soll es dann vom Schiff an den Strand springen? Oder wird die Barge durch das Gewicht vornüberkippen und das Auto kann einfach rausfahren? Das Auto sieht aus als käme es vom Schrottplatz. Verbeult, die Windschutzscheibe gebrochen – der Sitz nur noch Fetzen – aber hier auf der Insel mit nur einem Feldweg durchs Dorf und 500 m hinüber zur Wharf ist das egal. Solange es rollt und man was drauf laden kann ist es gut. TÜV? Nicht in Tonga!

Es ist Ebbe und das Wasser läuft ab was die Barge nun bereits mit dem vorderen Teil im Sand aufsitzen lässt. Dann startet das Auto. Ich staune, das hätte ich der Schrottkiste gar nicht zugetraut aber der Motor läuft. Jetzt wo die Rampe fertig ist fährt das Auto tatsächlich mit den Vorderrädern bis hinauf zur Oberkante der Barge. Und da wartet es nun bis die Helfer eine weitere Rampe aus Paletten und Fässern bauen über die das Auto vom Schiff auf den Strand fahren soll. Aber als das Auto über die Kante fährt drehen die hinteren Räder durch und nichts geht mehr. Nicht vorwärts, nicht rückwärts. Bretter werden untergelegt und alle möglichen Tricks versucht aber es hilft nichts. Da sitzt das Auto nun auf der Kante, halb drin halb draußen und kommt nicht weiter. Ein paar Männer klettern ins Schiff und versuchen zu schieben, aber ohne Erfolg.

Andrew mischt sich ein, ein kleiner dürrer Wicht gegen all die kräftigen Tonganer. Er versucht das Auto hinten anzuheben so dass die Vorderräder greifen können. Das kann er natürlich nicht und es sieht irgendwie witzig aus, der dünne kleine Andrew, aber schnell haben die Tonganer begriffen was er vorhat und helfen mit. Wenig später rollt das Auto über die Rampe nach unten. Jetzt ist aber der Winkel zu steil um von der Rampe auf den Strand zu fahren und wieder werden Bretter herangeschleppt untergelegt, Fässer verschoben und nach fast 2 Stunden – Jubel! Das Auto rollt über den Strand auf die Wiese. Schnell werden Fässer und Bretter auf die Ladefläche gepackt, die Helfer obendrauf und stolz rollen sie von dannen. Die Insel hat jetzt 6 Fahrzeuge

Wir finden Lotou mit seinen Kindern vor seinem Haus wieder. Weitere Kinder bestaunen uns neugierig. Ich hole einen Tennisball aus dem Rucksack den ich ihnen zuwerfe. Und schon beginnt ein ausgelassenes Ballspiel, erinnert eher an Rugby, den Nationalsport der Tonganer.

Auf dem Rückweg zu unseren Schiffen gräbt Lotou noch für jeden von uns eine Yamswurzel aus und pflückt eine Menge Orangen die wir dann am Strand im Schatten einer Pandanuss verzehren. Vor uns im blauen Wasser schaukeln friedlich unsere Schiff und Lotou kann es gar nicht mehr erwarten endlich zum Palast gebracht zu werden.

Er ist fasziniert von meinem Schiff. Ein Palast, ein Palast - sagt er immer wieder und kann sich gar nicht satt sehen. Nach dem er die angebotenen Coca Cola ausgetrunken hat sagt er – und jetzt bring mich bitte rüber zum anderen Palast. Also liefere ich ihn bei Lynn und Andrew ab.

Auf der Carina hänge ich im Cockpit Netze auf um die Kokosnüsse, Brotfrucht, Yams, Bananen zu verstauen. Für die Stauräume im Schiffsinneren sind die viel zu groß. Und dann koch ich Taroblätter und Brotfrucht in Kokosmilch fürs Abendessen.

 

Tongaische Gastfreundschaft - Die Einladung

Lange haben wir uns Gedanken gemacht was wir unseren Gastgebern als Gastgeschenk mitbringen könnten. Als Ladenbesitzer haben sie eigentlich Zugang zu allem was sie sich nur wünschen können. Unsere Vorstellung vom armen Inselbewohner der sich über ein Paket Reis, eine Dose Corned Beef, eine Fischerleine, gebrauchte Kleidung oder ein Stück Seife freut ist wohl etwas veraltet. Sie haben ein Auto, Smartphones und Lotou hatte uns nach Videos für seine Kinder gefragt. Es ist gar nicht so einfach. Lynn beschließt ein Brot zu backen denn es gibt ja keines auf der Insel. Ich beschließe etwas Bleibendes Individuelles aus meiner Heimat mitzubringen und suche ein schönes flauschiges Handtuch mit gehäkelter Spitze aus meinem Bestand, deutsche Handarbeit. (Bruni möge es mir verzeihen, aber jetzt bist Du sogar in Tonga als Künstlerin bekannt J) Ich bind ein Schleiferl rum und leg noch ein Brillenputztuch mit bayrischen Motiven dazu. Berge, ein bayrisches Bauernhaus mit viel Blumen, Kinder in Trachten und Panoramablick über den Chiemsee (Danke Conny). So kann ich ihnen zeigen wie es bei uns aussieht.  
In Sonntagskleidung machen wir uns auf den Weg ins Dorf. Ganz am Ende finden wir den Pickup und das Haus unserer Gastgeber wo wir auch schon erwartet werden. Es ist erstaunlich ruhig. Wir hatten eigentlich erwartet hier eine große Familie und weitere Dorfbewohner vorzufinden und entsprechend gefüllt ist auch mein Rucksack mit kleinen Geschenken von Luftballons über Seifenblasen zu Kugelschreiber und Seifen. Wir betreten das kleine Haus. Niemand da, nur unsere Gastgeber, Gemaja und Finou. Das Haus ist sauber, hell und luftig mit überall offenen Türen und Fenstern, aber für unsere Verhältnisse sieht es etwas runtergekommen aus. Hier im Dorf ist es eines der besseren Häuser. Im Wohnzimmer stehen 3 Sofas die mit verschiedenen billigen Stoffen provisorisch abgedeckt sind, also darunter vermutlich verschlissen. Ein großer Flachbildschirm steht in einer Ecke. Der passt gar nicht zur sonst ärmlichen Einrichtung. Strom gibt es nur von 18:30 bis 24:00 erklärt Finou. Aktuell erfolgt die Stromversorgung für die gesamte Insel über einen gemeinschaftlichen Generator. Ein Solarfeld ist gerade im Aufbau und sollte Ende des Jahres in Betrieb gehen können. In der anderen Ecke steht eine komplette Soundanlage mit riesigen Lautsprechern. Finou ist der Insel-Discjockey und alle Events finden in der Mormonen Kirche statt, das ist das einzige Gebäude das groß genug ist.

Sie haben 4 Kinder, zwischen 5 und 14, aber die sind alle in Nuku’alofa auf Tongatapu und leben bei den Großeltern. Das ermöglicht ihnen den Besuch von High-School und College. Hier auf der Insel gibt es nur eine Grundschule und da sind 6 Jahrgänge in einer Klasse beisammen. Sie sehen ihre Kinder nur zu Weihnachten wenn sie in den Ferien nach Hause nach Ha’afeva kommen. Das ist so Gang und Gäbe auf den Inseln. Damit die Kinder entsprechende Schulbildung erhalten können müssen sie ihre kleinen Heimatinseln verlassen. Wer keine Angehörigen auf den Hauptinseln mit den guten Schulen hat bringt seine Kinder bei fremden Familien unter. Erst wenn sie 16/18 Jahre alt sind kehren sie zurück.

Unsere Gastgeber betreiben einen Laden, wir wollen wissen was die anderen Dorfbewohner tun. „Die schlafen den ganzen Tag“ sagt Gemaja. Niemand arbeitet auf der Insel – sie gehen in den Busch um von dem zu leben was da wächst (Wurzeln, Kokosnüsse, Papayas, Bananen) oder was das Meer hergibt. Sie fischen oder suchen das Riff nach Muscheln und Krabben ab. Nur immer so viel wie sie gerade benötigen um satt zu werden. Fast jeder hat ein paar Schweine oder Hühner die frei im Dorf rumlaufen. Aber wer kauft dann bei euch ein, wenn die kein Geld verdienen? Na, ja, gelegentlich können sie was nach Tongatapu oder an die vorbeikommenden Segler verkaufen oder sie haben Angehörige die in Tongatapu oder im Ausland arbeiten und Geld nach Hause schicken.

Gemaja und Finou freuen sich über Brunis Handtuch und Connys Brillenputztuch und staunen wie es in Deutschland aussieht.

Auf einem kleinen Tisch in der Mitte des Wohnzimmers ist für 3 Personen gedeckt, aber es gibt nur 2 Stühle. Verlegen meint Gemaja, sie hätten nur 2 aber Finou bringt lachend eine aus Holzplanken zusammengeschusterte Bank ohne Lehne. „Tongan chair“ meint er und stellt sie mit an den Tisch. Ja und ihr? fragen wir. Wir haben schon gegessen, das ist für Euch, bitte bedient euch. Ich bin fast ein wenig enttäuscht. Hatte ich mich doch auf ein geselliges gemeinsames Essen mit Tonganern eingestellt. Ich vermute sie haben weder Stühle noch Tische und wollten uns nicht zumuten wie die Tonganer am Boden auf Matten zu sitzen und mit den Fingern alle aus derselben Schüssel zu essen und haben deshalb nur für uns angerichtet. Schade, mir hätte das nichts ausgemacht, im Gegenteil. Die Beiden nehmen auf einem der Sofas Platz und leisten uns Gesellschaft. Sie waren heute nicht in der Kirche (Tonganer gehen IMMER sonntags in die Kirche) weil sie ja für uns gekocht haben. Sie werden das abends nachholen. Ein Freund hat letzte Nacht extra noch einen Fisch für uns gefangen und nun haben sie Brotfrucht, Fisch, Huhn, Lo (Taroblätter mit Cornedbeef und Cocoscreme gefüllt – superlecker) im Umo (Erdofen) für uns zubereitet. Und es gibt selbstgemachte Limonade. Alles ist sehr lecker und so reichlich, wir können gar nicht alles essen was sie da aufgetischt haben. Als wir uns verabschieden schenken sie uns noch Papayas, Bananen und Zitronen.

Es war ein sehr schönes Erlebnis wenn auch anders als ich es mir vorgestellt hatte. Was mich aber immer wieder fasziniert ist diese Gastfreundschaft. Man stelle sich das mal bei uns vor. Da kommt ein Fremder ins Dorf, auch noch andere Hautfarbe – den lädt doch kein Mensch einfach so von der Straße weg zum Essen ein. Der kann ja froh sein wenn er wenigstens gegrüßt wird. Aber hier in der Südsee und auch in Neuseeland passiert mir das ständig dass ich von Menschen eingeladen oder beschenkt werde die ich gar nicht kenne. Oft entstehen schöne Freundschaften daraus.

 

Miserabel …

… so ist das Wetter nun seit 18 Tagen und seit 4 Tagen auch meine Stimmung.

Am Montagmorgen hatte ich bei Null-Wind und Sprühregen Ha’afeva verlassen um rechtzeitig im Hauptort Pangai auf der Insel Lifuka anzukommen. Denn noch immer habe ich mich nicht offiziell angemeldet (einklariert). Das muss man tun sobald man eine Inselgruppe erreicht, aber bei dem stürmischen Wetter der letzten Tage wäre es zu gefährlich gewesen zwischen den Riffs nach Pangai zu segeln. Dann war Wochenende, da tut sowieso keiner was, aber heute gibt es keine Entschuldigung mehr nicht vorstellig zu werden.

Bereits um 08:00 Uhr hole ich den Anker auf, aber die 40 m lange Ankerkette hat sich bei den ständig drehenden stürmischen Winden der letzten beiden Wochen schön um all die Korallenblöcke gewickelt und hängt nun fest. Es braucht einige Versuche bis das Schiff wieder frei schwimmt. Ich motore hinaus in tiefes freies Wasser setze die Segel und komme nicht voran. Der Wind ist zu schwach und das bisschen das weht kommt genau aus der Richtung in die ich segeln müsste. Also motore ich die 20 Seemeilen und erreiche Pangai um 14:30, lasse den Anker in 4 m in Sand fallen und freu mich ein anderes Schiff dort zu sehen. Aber als ich von meinem Landgang zurück komme ist es weg und ich bin wieder allein. Und so bleibt es auch die nächsten 4 Tage. Allmählich fühl ich mich ziemlich einsam und verlassen. Seit meiner Abreise aus Nukualofa vor nun fast 3 Wochen habe ich in der ganzen Inselgruppe nur 2 andere Schiffe gesehen. Hatte also alle 60 Inseln fast für mich alleine. Aufgrund des miserablen Wetters hatte ich auch außer den beiden Tagen mit Lynn, Andrew und den Dorfbewohnern keinerlei Kontakt zu anderen Menschen. Auf See macht mir das nichts aus, da bin ich gerne alleine, auch wochenlang, aber in Landnähe habe ich doch ganz gern Gesellschaft. Und die geht mir nun ab. Das ist einer der Gründe warum ich mich so miserabel fühle. Der andere ist das Wetter. Seit fast 3 Wochen regnet es nun. Alles im Schiff ist klamm, die Klamotten sind feucht und bekommen Stockflecken, die Lebensmittel schimmeln, der Schlafsack ist feucht und es ist einfach nur unangenehm.

 Ich habe es inzwischen ganz schön satt in Tonga zu sein – nur miserables Wetter und keine Menschenseele weit und breit. Mein Plan die ganze Saison in Tonga zu verbringen ist stark ins Wanken gekommen und ich überlege nach Fiji oder gar bis nach Neukaledonien zu segeln.

Was auch immer ich tun werde, zuerst muss ich hier in Pangai ein- und auch wieder ausklarieren. Und das ist der nächste Grund der meine Stimmung so vermiest. Da bin ich nun am Montag extra hier her geeilt um mich an die Regeln zu halten und so bald wie möglich einzuklarieren und finde ein verschlossenes Büro vor. Working hours 08:30 bis 17:00 Uhr steht an der Tür. Es ist 15:00 Uhr aber niemand da – ich dreh noch ein paar Runden durchs Dorf aber jedes Mal wenn ich am Zollbüro vorbeikomme ist es unverändert verschlossen. Auf dem Schild an der Tür finde ich 2 Telefonnummern. Ich habe keine Simkarte für Tonga um zu telefonieren. Ich schreib sie auf und geh im strömenden Regen hinüber zur Polizeistation und bitte den Polizisten diese Nummern anzurufen. Aber die Nummern sind nicht besetzt. Er notiert meine Daten so dass ich nachweisen kann, ich hätte es versucht und ich soll es morgen erneut beim Zoll probieren.

Nebenan ist eine Gasfüllstation – das ist gut, denn eine meiner Flaschen ist leer. Aber auch dort finde ich niemanden obwohl ich während der Geschäftszeiten dort bin. Tut denn hier gar keiner was? Ich wandere weiter durch den Regen und komme am Mariners Cafe vorbei – dem einzigen geöffneten Restaurant des Dorfes, aus der fröhlich ein paar Leute ein Hallo herüber rufen. Ich bin nicht in Stimmung für Gesellschaft, ich bin einfach nur frustriert und geh weiter. Nach wenigen Metern besinne ich mich, kehr um und bleib nun doch auf ein kurzes Hallo im Mariners Cafe stehen. Daraus werden 2 Stunden und 2 Bier. Ich mache Bekanntschaft mit einer jungen Amerikanerin die für einige Jahre hier herkam um Schulbücher zu illustrieren und einem jungen Spanier der auf den Inseln die Solarparks errichtet. Danach ist meine Stimmung etwas besser und es ist Zeit aufs Schiff zurück zu kehren bevor es dunkel wird.

Am nächsten Tag versuch ich mein Glück erneut. Vormittags, mittags, und nachmittags laufe ich durch den Regen aber das Zollbüro bleibt verschlossen. Aber an der Gasstation finde ich jemand und so kann ich wenigstens meinen Gasvorrat wieder auffüllen.

Mittwoch, es regnet immer noch, ich kann mich erst am nachmittag überwinden mich wieder ins nasse Dinghy zu setzen und an Land zu rudern. Ich kann es gar nicht glauben – die Tür des Zollbüros ist heute geöffnet. Eine Dame sitzt darin. Ich beschließe gleichzeitig ein- und auszuklarieren, also schon 2 Tage im Voraus fürs Wochenende um weitere vergebliche Wege zu vermeiden. Der Zollbeamte war in Nukualofa zu einer Besprechung erklärt sie mir und sie hatte in dieser Zeit die Vertretung übernommen. Aha, ich frag mich nur wo, denn hier war sie nicht. Sie ist etwas überfordert mit meinem Anliegen heute schon auszuklarieren. Zum Glück fährt gerade der Beamte vor, ein freundlicher junger Kerl. Es stört ihn nicht weiter dass ich erst heute einklariere aber ausklarieren kann er mich erst am Tag meiner Abreise.
Ich finde dass ich Tonga gar nicht mag. Das Wetter vermiest mir alles. Bin ich doch hier hergekommen zum schwimmen, schnorcheln, Wale beobachten und nun sitzt ich die ganze Zeit nur allein im nassen Schiff.

Am Freitag, nachdem ich noch mal im Zollbüro war und ausklariert hatte, endlich, erscheint ein Katamaran am Ankerplatz dessen Bewohner auch schnurstraks zu einem Hallo zu mir herüber kommen. Das ist Lady Nada, der Katamaran der mir vor Wochen mit meiner kaputten Reffanlage ins Minerva Riff geholfen hatte. Und nun geht es Schlag auf Schlag. Weitere Schiffe kommen am Ankerplatz an, darunter auch Lynn und Andrew und Ponyo mit Costa, Genia und den Kindern.

Der Ankerplatz ist nicht groß hier und einige ankern nun direkt in der Schifffahrtsstraße, also dem ausgetonnten Weg am Riff entlang und hinein in den Minihafen von Pangai. Viel Verkehr ist hier nicht, aber ca alle 2 Tage kommt eine Fähre hier an. Als die Fähre den Hafen Richtung Norden verlässt bin ich neugierig wie sie nun an all den Schiffen vorbeifahren wird. Sie ist das wohl gewohnt, denn ganz cool fährt sie einfach zwischen den ankernden Schiffen hindurch mit oft nur 2 bis 3 Metern Abstand. Die Passagiere auf der Fähre finden das cool und jubeln zu uns herunter.

Ich bin versucht meine geplante Abreise zu verschieben, jetzt wo endlich Leben um mich herum ist, aber ich habe bereits ausklariert und muss morgen los. Zum Glück haben alle anderen Schiffe denselben Plan. Drei Schiffe: Ponyo, Intrinsic und Carina machen sich kurz vor Einbruch der Dunkelheit auf den Weg nach Vava’u. Es sind nur 70 Meilen so dass wir im ersten Morgenlicht die Inseln erreichen sollten. Es sind leichte Winde aus SüdOst vorhergesagt. Wir alle freuen uns auf eine ruhige nächtliche Überfahrt.

 

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