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Carina's Logbuch

Tonga 2019

 

Inselgruppe Vava'u - Zwischen Frust und Paradies

 

Alle meine Hoffnungen sind nun auf Vava’u gerichtet: dass das Wetter dort besser sein wird, einige Segler anzutreffen sind, etwas bessere Versorgungsmöglichkeiten vorhanden sind und ich endlich schnorcheln kann und Wale zu Gesicht bekomme. Frohen Mutes starte ich abends im Nieselregen die 70 Meilen Überfahrt von den stürmischen verregneten einsamen Ha’apai Inseln nach Vava’u.

Es beginnt wie vorhergesagt recht ruhig mit mäßigem Wind. Wenig später ist mir etwas übel und ich schiebe es auf das etwas missratene Abendessen. Die Wellen hier sind ganz eigenartig und die Schiffsbewegungen seltsam. So etwas habe ich noch nie erlebt. Vielleicht sind es doch nicht die Nudeln sondern der Seegang der mich dazu bewegt mich gemeinsam mit einer Kotztüte etwas hinzulegen. Die Tüte habe ich zum Glück nicht gebraucht aber die halbe Strecke bis Vava’u war mir übel. Später in Vava’u berichten andere Segler dasselbe. Nie waren wir irgendwo seekrank, aber auf diesem Teilstück war uns allen etwas übel. Es muss an der Geographie liegen. Die Tongaischen Inseln erheben sich direkt neben einem 10800 m tiefem Meeresgraben, dem Tongan Trench. Dazwischen liegen verstreut winzige Inseln zwischen denen wieder Tausende von Metern Tiefe liegen. Erdbeben erschüttern täglich diese Region. Das Wasser wirbelt und drängt sich durch all die Schluchten und Kanäle die dabei entstehen und verursacht eine sehr unangenehme See. Man kann es nicht sehen, die Wellen sind weder hoch noch steil – aber sie drehen und schaukeln uns in alle Richtungen was scheinbar nur unser Gleichgewichtssinn und der Magen unangenehm wahrnehmen.

Für die Überfahrt waren sehr leichte Winde und wenig Seegang prophezeit und für eine Dauer von 15 Stunden sollte man glauben dass die Vorhersage zuverlässig ist. Deshalb ziehe ich auch einfach mein Beiboot hinterher. Der wahre Grund ist, ich traue ich mich nicht die Luft auszulassen um es an Deck zu verstauen weil ich ja nicht weiß wie lange meine notdürftig zusammengeklebte Beibootpumpe noch funktionieren wird. Den Motor und die Ruder habe ich abgenommen und alles aus dem Boot entfernt, nur den Sitz habe ich drangelassen. Beides war ein Fehler – das Boot nachzuziehen und den Sitz nicht an Bord zu nehmen. Gegen 03:00 hat sich zwar die Übelkeit verflüchtigt und die Schiffsbewegungen sind wieder normal aber der Wind frischt plötzlich auf und erreicht Stärke 6-7 Bft. Das Meer wird wild und stürmisch und das Beiboot schlägt ein paar Saltos bei dem es den Sitz verliert und sich die Leinen um die Windsteuerung verwickeln, sie fesseln so dass ich sie nicht mehr benützen kann. Für den Autopilot ist das Meer zu rau und so muss ich von nun an selbst steuern. Bei Sonnenaufgang kann ich die äußeren Inseln der Vava’u Gruppe im Regenschleier erkennen. Bei diesen Bedingungen trau ich mich nicht durch die Riffpassage zwischen den Inseln durchzusegeln, der Motor könnte mir hier nicht helfen und so segle ich außenherum was alles nur noch viel schlimmer macht und 3 Stunden länger dauert. Denn jetzt muss ich gegen Wind und Welle ankämpfen um die Einfahrt in den Fjord nach Neiafu in den Port of Refuge zu erreichen. Als ich endlich den Schutz der Inseln erreiche hört der Wind auf zu blasen und das Meer ist ganz ruhig. Ich bin echt sauer. Hat das sein müssen? Dieses Wind und Wellen Theater das wieder über den Ankerkasten jede Menge Wasser ins Schiff geschaufelt hat, das Beiboot und die Windsteuerung unbrauchbar gemacht und weitere kleine Schäden am Schiff verursacht hat. Die ganze Nacht hatte ich kein Auge zugetan und bin jetzt plötzlich so hundemüde dass ich auf der Stelle umfallen und einschlafen werde. Die letzten 10 Meilen nach Neiafu schaffe ich nicht mehr und beschließe deshalb einfach in der nächsten Bucht zu ankern und mich erstmal auszuschlafen bevor ich in Neiafu einklariere.

Ich verkriech mich hinter Lotuma Island. Das Wasser ist hier überall schrecklich tief, 60 bis 80 m. Erst wenige Meter vor dem Ufer kommt ein Schelf auf dem man ankern kann. 10 m tief – 30 m breit - wenn der Wind dreht sitze ich auf den Korallenblöcken am Ufer. Ist mir jetzt egal - ich muss unbedingt ein wenig schlafen. Als ich wieder aufwache sehe ich wie wunderschön der Platz ist den ich mir ausgesucht habe. Die Sonne scheint, das Wasser ist hellgrün mit dunklen Flecken, den Korallen. Dahinter erhebt sich die grüne dicht bewachsene Insel Pangaimotu, Vogelgezwitscher überall und zu meiner Linken liegt ein kleiner runder dicht bewachsener Hügel, die Insel Lotuma. Das Wasser vor mir zwischen den beiden Inseln ist zu flach um da durch zu fahren dafür hat es jedoch ein wunderschönes türkisblau. Außer mir kein anderes Schiff weit und breit. Es ist so schön hier dass ich beschließe Neiafu kann noch bis morgen warten und verbringe eine ruhige Vollmondnacht im Schutz von Lotuma Island. Als ich morgens aufwache höre ich 100 Hähne krähen, eine Kuh muht – ein Dorf lugt hinter den Palmen hervor - endlich Leben um mich herum.

 

Neiafu – Vava’us Hauptstadt – die guten Zeiten kehren zurück

Ungern verlasse ich den schönen Ankerplatz aber ich muss ja erst mal einklarieren und dazu muss ich nach Neiafu. Das liegt gleich ums Eck hinter Pangaiumotu Island.

Der Port of Refuge, Neiafus Hafen, wird durch einen tiefen Fjord gebildet und ist von allen Himmelsrichtungen vor Wind und Wellen geschützt. Das beste Hurrikanhole in Tonga.  Und er ist furchtbar tief. Die wenigen flachen Stellen am Ufer sind von Bojen besetzt für die man 20 Pa‘anga (8 Euro) die Nacht bezahlt. Ich finde eine der ganz wenigen Stellen zwischen den Bojen mit 15 m Tiefe und genug Abstand zu den anderen um dort zu ankern.  Neben mir an der Boje hängt zufällig der Katamaran Ponyo (bekannt seit Minerva, Tongatapu und Ha’apai) die mich anfunken und für den Abend auf eine Pina Colada zu sich an Bord einladen. Die Sonne scheint wieder für mich, in jeder Hinsicht.

Rundherum schaukeln zahlreiche Schiffe an den Bojen und ich entdecke weitere Bekannte. Im Ort, der etwas runtergekommen erscheint, gibt es jede Menge China-Läden, Take-Aways, Restaurants, Banken, Hardwarestores, einen Markt und sogar einen Yachtshop. Leider haben die auch keine Pumpe für mein Beiboot.

Das Einklarieren war simpel. In einer offenen großen Lagerhalle steht ein Tischchen und eine Bank. Dort erwarten die Beamten uns Segler. Heute ist Montag und Großkampftag, denn viele Jachten sind am Wochenende angekommen und müssen einklarieren. Wo mein Schiff sei?  Vor Anker da hinten! Ich müsse es hier her bringen und am Steg festmachen an dem die große Fähre normalerweise liegt. Unmöglich mit meinem kleinen Schiff – es würde unter die Mauer rutschen und ich könnte die obere Kante gar nicht erreichen. Na dann halt davor ankern und per Beiboot rüberkommen. Ich verstehe den Unterschied nicht ob ich nun ½ Meile weiter weg ankere oder nicht. Vermutlich verdanke ich es den wartenden Seglern hinter mir dass man weder Zeit noch Lust für lange Diskussionen hatte und ich nun doch einfach einklariert werde, d.h. sie nehmen das Domestic-Cruising-Formular und legen es zu den anderen - fertig.

Nebenan befindet sich der große so gelobte Markt. Er ist enttäuschend. Außer Bananen, Melonen, ein paar Tomaten und Souvenirs gibt es nichts weiter.

Ich bin auf der Suche nach einem Stück Holz um einen neuen Sitz für mein Beiboot zu basteln. Ich streife durch die Gassen, durchsuche die Charterbase und die Workshops der Tauchstationen aber finde nichts ^. Es gibt einen gut bestückten Baumarkt mit 5 m langen Planken in der richtigen Breite und Stärke. Aber die können sie nicht absägen – haben gar keine Säge hier – und auch wenn ich meine Säge bringen würde, sie verkaufen es ohnehin nicht kleiner. Ich brauch aber nur 80 cm und kann leider keine 5 m lange Planke zu Fuß 1 km durch den Ort tragen und dann mit dem Beiboot aufs Schiff bringen um sie dort abzusägen. Ich sehe einen Berg abgebrochene Planken, sogenanntes Abfallholz unter dem ich auch was Passendes gefunden hätte, aber das verkaufen sie mir auch nicht.

Etwas frustriert von der Holzaktion mache ich mich auf den Rückweg und laufe Vladimir über den Weg der mein Nachbar am Ankerplatz in NZ war und wir gehen auf einen Kaffee ins Tropicana. Dort treffen wir auch auf Douglas und der meint ich sollte doch mal in der Werft nach einem Stück Holz fragen.

Auf der anderen Seite der Insel gibt es eine kleine Werft. Ich wandere die 3 km über den Berg hinüber und erreiche sie in dem Augenblick als ein Wolkenbruch über uns herniedergeht. Schnell schlüpf ich unters Dach im Büro. Ja ich soll mal in den Workshop zu Cyrill gehen, der hat bestimmt was, versichert mir der Betreiber. Cyrill, ein junger charmanter Franzose, aus der Bretagne, unweit von Concarneau wo die Carina für 3 Jahre ihr zu Hause hatte, bringt ein Brett das zwar etwas schmal ist, aber breiter hat er nichts. Es ist zu lang und zu dick. Macht nichts er schneidet es mir zu. Ja aber es ist zu dick - das würde er schon passend machen. Und so kramt er aus allen möglichen Winkeln Werkzeuge und Maschinen. Er sägt, hobelt und schleift, entgratet und fertigt ein Brett in der optimalen Größe für mein Beiboot. Mir wird schon ganz anders - er investiert so viel Arbeit - das hätte ich alles selbst machen können. Was das wohl kosten wird. Aber er meint einfach – das passt schon so. So viele Einhand segelnde Frauen haben wir hier nicht. Da hab ich aber Glück gehabt und geb ihm wenigstens ein Trinkgeld.

Zurück auf der Carina scheint die Sonne wieder und ich lackiere meinen neuen Sitz und kann nun mein Beiboot auch wieder rudern. Auf der Seite sitzend kann ich zwar unter Motor fahren aber da ich lieber rudere muss ich unbedingt in der Mitte auf einem Brett sitzen können. Meine Versuche in der Mitte kniend zu rudern waren nicht sehr erfolgreich.

Ich repariere meine Buglaterne die ich aufgrund des schlechten Wetters seit meiner Ankunft in Tonga noch immer noch nicht an ihren Platz zurück gebracht hatte und wandere ein wenig durch Neiafu. Ich bestaune die große Kirche und freunde mich mit einer Tonganerin an die hier wunderschöne Tapas, Körbe, Matten und Gürtel anfertigt und verkauft. Am Freitag gäbe es ein großes Event - die Agriculture Show zu der auch der König kommen wird, erzählt sie mir. Da wird alles ausgestellt was auf der Insel produziert wird und es sei ein großes Fest. Das müsse ich mir unbedingt anschauen.

Am nächsten Morgen höre ich auch auf Kanal 26, auf dem jeden Morgen um 08:30 Uhr ein Cruisers Net stattfindet in dem Wetterberichte, wichtige Events und Infos für Segler ausgetauscht werden, von der Agriculture Show.

Am Nachmittag stoppt mein Bootsnachbar Richard bei mir auf einen Kaffee. Ja die Show übermorgen müsse ich mir unbedingt anschauen und anschließend mit ihm an der Harbour Race teilnehmen die jeden Freitagnachmittag stattfindet und die er organisiert. Ich bin kein Racer aber trotzdem überredet und verspreche um 15:00 nach der Show zum Skippers Briefing in der Mango Bar zu sein.

Kaum ist Richard auf sein Boot zurückgekehrt ruft er herüber – schau- eine Parade für den König – und ich sehe 3 Schiffe bunt geschmückt mit Luftballons, Fahnen und Palmen durch den Hafen ziehen. Und schon ist Richard wieder zurück - Komm das schauen wir uns an - sagte er, packt mich in sein schnelles großes Beiboot und mit Vollgas rasen wir der kleinen Parade hinterher. Ich kann mich kaum auf der Kante halten bei dem Gehopse über die Wellen und rutsch mal lieber auf den Boden des Bootes. Die Parade hat nun fast schon wieder den kleinen Smallboat Harbour erreicht und gibt plötzlich Gas. Wie die Irren fahren sie unter Vollgas noch eine Runde zwischen den ankernden Booten und wir hinterher. Dann ist die Parade vorbei die der gerade in Neiafu angekommene König vielleicht von der Terrasse seines Sommerpalasts beobachtet hat.

Wir machen uns auf den Rückweg aber am Hideaway, einem kleinen blauen Hausboot mitten im Hafen, kommen wir nicht vorbei. Da gibt es die besten Margaritas und Fish & Chips und Barry der Barmann ist ein sehr amüsanter Unterhalter. Richard gibt ein Bier aus. Da kommen vom Hotel 2  junge Frauen herübergeschwommen, ob das eine Bar sei? Ja, und wir helfen ihnen an Deck. Sie haben das Geld in den hochgesteckten Haaren versteckt und bestellen sich jetzt eine Margarita und wir noch ein Bier. Es endet mit 3 Bier, einem Glas Wein und einer Portion Fish & Chips die ich spendiert bekomme und es ist bereits dunkel bis wir zu unseren Booten zurückkehren. Zu Ehren des Königs wurden am Ufer rund um den Hafen kleine Feuer entzündet und das sieht ganz wunderschön aus.

 

Tongaische Gastfreundschaft und Agriculture Show

Ich sitze unter einem riesigen Mangobaum auf einer Bank an der Uferpromenade und beobachte die Fischerboote und die an den Bojen schaukelnden Yachten. Ein Auto voller Tonganer parkt unter dem Baum neben mir. Eine Frau setzt sich mit einer Portion Chicken Nuggets und Manioka auf die Bank neben mir. Das übliche „Hello, how are you“ und schon wechselt sie auf die Bank neben mich und bietet mir an mitzuessen. Da sitzen wir nun im Schatten und essen gemeinsam – genauso wie es Tupou, meine erste Bekanntschaft in Tongatapu, gesagt hatte. Es schmeckt gut, aber die Portion ist viel zu groß. Sie klappt die Packung zu und gibt sie mir. Ich solle sie mit nach Hause nehmen und so ist auch bereits für mein Abendessen gesorgt. Wir plaudern während die Kinder unterm Baum und an der Promenade spielen und ihr Mann noch am Essen ist. Ihre Nichte hat morgen Geburtstag, da grillen sie ein Spanferkel, (dafür ist Tonga berühmt. Pork-Roasts gehören zu den Inseln wie die Fische zum Meer). Ich solle doch auch kommen. Ich bin überrascht. Wir kennen uns kaum, aber sie besteht darauf, ab 18:00. Also verspreche ich nach der Agriculture-Show und nach der Hafen-Regatta zum Pork-Roast zu erscheinen. Die Straßen in Neiafu haben weder Namen noch gibt es Hausnummern. Die Beschreibung wo sie wohnt ist etwas vage, die nächste Straße bei der Kapelle und dem Friedhof. Ob ich das finden werde? Ich weiß nur ihren Vornamen, Ana Moa, und Kapellen/Kirchen und Friedhöfe gibt es hier so viel wie freilaufende Schweine – also jede Menge. Ich bin zuversichtlich - ich werde es schon finden, ein Haus vor dem ein Ferkel am Spieß brutzelt.

Am Morgen der Agriculture Show, wegen der ganz Vava’u in heller Aufregung und endloser Vorbereitung war, regnet es – ist ja nichts Neues in Tonga, aber leider so schade. Ich mach mich am frühen Nachmittag trotzdem auf den Weg und bin überwältigt von der Show. Gab es auf dem Markt und in den Geschäften nichts weiter, so gibt es hier alles was man sich vorstellen kann. Alle Arten von Gemüsen: Maniok, Taro, Yams, Süsskartoffeln, Karotten, Kürbisse, Kraut, Rettiche, Auberginen, Zucchini, Tomaten, Gurken, Obst, Fisch, Muscheln… in Hülle und Fülle. Alles wunderschön arrangiert. Ein kleines Häuschen ist aus lauter Gemüse gebaut, die Karotten hängen wie Eiszapfen vom Dachfirst und Kohlköpfe bilden die Seitenwände. Fische, Muscheln, Kunsthandwerk, werden auf großen Tischen ausgestellt und zum Kauf angeboten. Schweine und  Hühner in Käfigen, Kühe und Pferde warten angeleint bestaunt zu werden. Und es gibt jede Menge Stände an denen gekocht und gegrillt wird, denn ein Fest in Tonga ohne Essen wäre undenkbar. Die Aussteller und viele Besucher sind in traditioneller Kleidung anzutreffen, handgeflochtene Matten oder Tapas (Stoff aus Baumrinde schön bedruckt) und Gürtel aus Kokosfasern um die Körpermitte gebunden.

Ein kleines Zeltdach überspannt einen wunderschönen Tapa-Teppich auf dem 2 rote Stühle stehen. Hier werden der König und die Königin in Kürze Platz nehmen die gerade zu Fuß an den Ständen vorbeiwandern und betrachten was ihr Königreich so alles hervorbringt. Ich nehme Platz unter einem weiteren Sonnendach (heute eher Regendach) neben den Abgeordneten die hier in Bastmatte um den Bauch und Blumenkranz um den Hals auf den König warten. Das Geleit des Königspaares besteht aus nur 4 Soldaten. Über den riesigen Platz verteilt entdecke ich noch 2 Polizisten. Das ist alles. Undenkbar in Europa oder Amerika, aber ein gutes Zeichen dafür wie friedfertig und sicher Tonga ist. Auch der König trägt eine Bastmatte um den mächtigen Bauch. Er ist groß, fast glatzköpfig und vor wenigen Wochen 60 Jahre alt geworden. Ein paar kurze Reden und das Königspaar steigt wenige Meter von mir entfernt in ein Mittelklasse Auto,. Geführt von einem Polizeiauto und 2 Motorrädern, gefolgt von einem weiteren zivilen Jeep fährt er durch die Parade der Schulkinder davon. Damit ist die Show offiziell beendet und weil es regnet packen nun alle Stände zusammen. Wie schade, es war so viel Aufwand und so wunderschön errichtet. Und jetzt weiß ich auch warum es seit meiner Ankunft kaum Gemüse und Obst zu kaufen gab, es wurde alles aufgehoben für den großen Tag und sie haben den ganzen Tag zuvor und die ganze Nacht durchgearbeitet um diese fantastische Show zu errichten.

Die Show war zu schön um sie frühzeitig zu verlassen und so komme ich zu spät ins Mango-Café zum Briefing für die Hafenregatta. Ist nicht schlimm, die findet ja jede Woche statt. Stattdessen finde ich Douglas an der Bar der mir ein Bier ausgibt. Danach bin ich zu müde für meine Einladung zum Pig Roast bei Ana Moa und fahr nach Hause und ab ins Bett.

Ab jetzt haben wir wieder 2 Tage Sauwetter mit heftigen Windböen, die uns im geschützten Hafen nicht viel ausmachen. Aber der anhaltende Prasselregen macht jede Outdoor-Aktivität unmöglich. Dafür füllt er wieder alle Tanks auf den Jachten und bei den Häusern an Land, denn auch die leben vom Regenwasser. Auch Carinas Tanks sind wieder gefüllt und ich kann verschwenderisch duschen, Wäsche waschen und hoffe dass es bald aufhört damit die Wäsche die nun im Regen baumelt auch mal trocknet.

 

Kapa Island - Swallows Cave und Korallengärten

Es ist Montag und die Sonne scheint wieder- für die nächsten 3 Tage ist Sonne und kein Wind angekündigt – danach wieder Sturm.

Ich nutze die Chance um endlich mal was anderes als Neiafu zu sehen und motore nach Mala, einer kleinen Insel die zwischen den größeren Inseln Utungake und Kapa liegt. Ich ankere östlich von Kapa. Hier ist reichlich Platz in 5 m tiefem Wasser mit sandigem Boden ohne Korallen. Man erschlägt bestenfalls einen riesigen fetten braunen Seestern mit dem Anker oder der Kette denn die sind so zahlreich hier dass es unmöglich ist einen Platz ohne Seesterne zu finden. Das Wasser ist glasklar und in der Lagune zwischen Mala und Kapa schillert das Wasser in allen Schattierungen die man sich nur vorstellen kann. Ich klettere in den Mast um einen besseren Überblick zu bekommen. Dann setz ich mich ins Dinghy und lass mich von der Strömung langsam um die kleinen Felseninseln herum in die Lagune und zwischen all den Korallenblöcken durchtreiben. Einige sind so knapp unter der Wasseroberfläche dass wir sogar mit dem Beiboot aufsitzen würden. Es ist wunderschön. Das Wasser ist so glasklar dass man jede Koralle und all die kleinen blauen und gelben Fische sehen kann die um die Korallen herum schwimmen. Am Abend erfreu ich mich am wunderschönen Sonnenuntergang und den dezenten Lichtern die vom Reef-Resort herüberblinzeln.

Der nächste Morgen beginnt mit einem traumhaften Sonnenaufgang. Das Meer ist still und glatt wie ein Spiegel. Erst mal eine Runde schwimmen und dann nach dem Frühstück an die Arbeit. Carinas Wasserlinie sieht schon wieder fruchtbar aus. Jede Menge grünes Seegras und Entenhalsmuscheln haben sich dort eingenistet. Die werden jetzt alle weggeschrubbt und schon ist die Carina wieder ein hübsches weißes Bötchen.

Als Belohnung gönne ich mir am Nachmittag einen Ausflug zur Swallows Cave. Die ist nur vom Meer aus zugänglich und man kann entweder hineinschwimmen oder mit dem Beiboot hineinfahren. Das Wasser vor der Grotte ist zu tief zum Ankern (80 m) und deshalb muss ich nun die 2 Meilen dort hin per Beiboot zurücklegen. Hier in diesem Gewirr von Fjorden und Inseln ist das kein Problem, es ist so geschützt dass auch bei Starkwind kein nennenswerter Seegang entstehen würde. Und heute ist eh gar kein Wind. Auf dem Weg zur Grotte kommt mir ein kleines Motorboot entgegen. Es hält auf mich zu und will offensichtlich Kontakt mit mir aufnehmen. Das darin sitzende Paar sieht sehr europäisch aus. Ob ich von dem Schiff mit der deutschen Flagge sei, wollen sie wissen und woher ich käme. Ach dann können wir ja deutsch reden, sagt der blonde knapp 50 Jahre alte Herr der sich als Herwig vorstellt. Sie betreiben das Reef Resort vor dem ich gerade ankere und sie geben mir ein paar gute Tipps um die Grotte zu finden. Ich verspreche sie die Tage mal in ihrem Resort zu besuchen.

Die Swallows Cave in der gar keine Schwalben sondern Hunderte von Sperlingen nisten ist beeindruckend. Der Eingang wie ein gotisches Tor aus weiß, blau, orangefarbenen Felsen. Das Wasser darin unendlich tief und von einem so intensiven Blau dass sich die Blaue Grotte in Capri vor Neid grün färben würde. Einige Schnorchler treiben sich in der Einfahrt rum und während ich draußen warte habe ich genügend Zeit diese Kulisse zu bewundern. Als die Schwimmer endlich die Einfahrt frei machen rudere ich hinein. Es dauert einen Moment bis man im Dunklen der Grotte etwas erkennen kann. Wie ein riesiger hoher Dom, die Felswände in allen Farben von weiß, gelb über orange zu rot und grün, die kuppelförmige Decke blau und das Wasser in das man unendlich tief hineinschauen kann ist weiß wie die Felsen darin und intensiv leuchtend blau wenn die Sonne am Nachmittag durch die kleine Öffnung in der Decke hineinscheint.

Riesige Fischschwärme schwimmen umher. Ein paar Nebenkammern in denen die Felsen wieder andere Farben haben und ein Schacht durch den man klettern könnte um in eine weitere trockene Grotte zu kommen. Kleine Beiboote und schnorchelnde Menschen kommen und gehen. Dann habe ich die Grotte ganz für mich alleine und verweile lange in dieser Stille die von der Welt da draußen nichts zu wissen scheint. Ich kann mich einfach nicht sattsehen an dem Blau des Wassers und den gigantischen Felsformationen. Traurig ist nur, dass auch hiervor die menschliche Dummheit nicht Halt macht und so wenig Respekt vor diesen Naturschönheiten hat. Viele der wunderschönen Felsen in der Grotte sind mit Graffiti verunstaltet. Ich wäre gern noch länger hier geblieben, aber bald wird es dunkel und deshalb rudere ich nun wieder zurück. Klar könnte ich den Außenborder anwerfen, aber der würde den Zauber dieser Küste und die himmlische Ruhe nur stören. Ich könnte die Vögel in den Bäumen nicht zwitschern hören bei dem Gebrumme und würde all die schönen Korallen und Fische im Wasser übersehen. Stattdessen gleite ich fast lautlos übers Wasser zurück zur Carina. Ein paar Blasen an den Händen sind der Preis dafür.

 

Eine aufregende Nacht

Nach diesem so schönen Tag sitze ich noch lange im Cockpit bewundere den Sternenhimmel und höre entfernt Musik aus dem Resort herüberdringen. Es ist bereits Mitternacht als ich endlich in mein Bett in der Vorkabine krabble. Ich war schon halb eingeschlafen als ich Plätschern und Ratteln vor meinem Bug höre. Wale? Nein, es klingt eher als würde ein Ruderboot vor meinem Bug hin und her plätschern und sich an meiner Ankerkette zu schaffen machen. Es ist unheimlich. Ich bin ja hier ganz alleine, weit und breit kein anderes Schiff und das Ufer ist auch zu weit entfernt dass irgendjemand mitbekommen könnte was hier vor sich geht. Ich lausche gespannt. Was auch immer da vor sich geht, ich muss nachsehen und ggf. die Störer wegscheuchen. Aber womit?  Schnell schlüpf ich in ein paar Klamotten, schnapp die Taschenlampe und mach mich auf den Weg zum Bug. Aber da ist niemand. Unter Wasser kann ich ein Licht sehen und kleine Wellen die von dem Etwas da unten erzeugt werden. Da es stockdunkel ist kann ich nicht ins Wasser hineinschauen und meine Taschenlampe kann das Wasser nicht durchdringen. Ein weiteres Licht unter Wasser ist zu sehen. Es müssen Taucher sein. Aber warum an meinem Schiff und in einem Bereich wo es außer Sand nichts zu sehen gibt. Das beunruhigt mich sehr. Ich hol den starken Strahler und leuchte auf die Stellen an denen ich die Lichter sehen kann. Sie entfernen sich etwas und nach einiger Zeit kann ich einen Kopf mit Schnorchel aus dem Wasser auftauchen sehen. Ein weiterer taucht auf, sie rufen sich was Unverständliches zu und verschwinden Richtung Ufer. Gott sei Dank. Aber was die hier bei mir wollten sorgt mich doch noch lange so dass ich gar nicht mehr einschlafen kann. Irgendwann beruhige ich mich mit dem Gedanken dass sie vielleicht Carinas Bauch für einen Wal gehalten hatten und mit ihm schwimmen wollten.

Den nächsten Morgen rudere ich das Beiboot bei Ebbe auf den Sandstrand und putze  dessen Bauch der ebenfalls mit Seegras bewachsen ist. Danach mach ich mich auf den Weg zum Reef Resort und einem Spaziergang an Land. Herwig, der österreichische Betreiber des Resorts, freut sich über meinen Besuch und bereitwillig nennt er mir ein paar gute Wege über die Insel. Und er hat eine beruhigende Erklärung für meine nächtlichen Besucher. Die Leute hier gehen nachts Speerfischen. Und da sind sie halt der Carina etwas nahe gekommen. Das Resort ist sehr nobel. Ein schönes Restaurant unter einem großen Sonnendach direkt am Sandstrand, 5 vornehme Bungalows verstreut über den Hang. Ein Steg direkt zur Rezeption, denn hierher kann man nur per Schiff. Ein tongaischer Kellner mit  excellenten europäischen Kellnermanieren. Mir wird sofort klar dass das Glas Wein das ich hier auf meinem Rückweg trinken wollte mein Budget bei Weitem übersteigen würde.

Ich wandere den Strand entlang ins Dorf. Kinder plantschen im Wasser, 2 Kirchen, ein paar Häuser und dazwischen mindestens 100 Schweine und Ferkel die zwischen den Häusern und auf dem Dorfplatz rumlaufen. Ich würde mal schätzen auf einen Einwohner kommen 5 Schweine, 3 Hühner und 2 Hunde. Das Dorf hat keine Straßen, nur ein paar Trampelpfade zwischen den Gärten. Bei der Townhall, wie das Versammlungshaus jeden Dorfes heißt, ist eine Solarplantage aufgebaut die einen gemeinsamen großen Gefrierschrank betreibt in dem die Dorfbewohner ihre Lebensmittel aufbewahren können und in dem es Eis für die Fischer gibt. Am betonierten Steg unterhalte ich mich mit einer Frau die aus dem Dorf stammt, seit 30 Jahren in Australien lebt und mit einem Australier verheiratet ist aber jedes Jahr für mindestens 4 bis 5 Monate zurück in ihr Dorf kommt. Auch wenn es hier arm ist, Strom nur stundenweise am Abend vefügbar ist und es keine warmen Duschen gibt, bevorzugt sie doch das Leben hier. Es ist die Zeit, die hier keine Rolle spielt, die es ausmacht. Hier kann sie der Hektik und all den Terminen Australiens entfliehen. Und das Zeithaben würde alle anderen Entbehrungen Hundert Mal aufwiegen. Ich kann sie gut verstehen, denn genau das ist es was ich auf auch auf meinem Schiff empfinde. Gerne verzichte ich auf all den Luxus der zivilisierten Welt und hab so manche Aufregungen und Pannen durchzustehen für ein Leben in dem ich selbst bestimme was ich wann mit meiner Zeit mache, oder wie ich es empfinde, das ziemlich zeitlos ist. Es spielt keine Rolle wie spät es ist, welcher Tag oder Monat gerade ist. Man tut Dinge dann wenn man sich dazu bereit fühlt oder man lässt sie ganz bleiben wenn man keine Lust dazu hat und sie nicht lebenswichtig sind. Nach dem Motto: „Was Du heut nicht willst besorgen, das verschiebe ruhig auf morgen“. Da fällt mir ein afrikanischer Spruch ein: „Die Europäer haben die Uhr und wir die Zeit.“ Das würde auch gut für die Inseln im Pazifik passen.

Zurück auf dem Schiff hab ich mal nach dem Reef Resort gegoogelt und bin nicht sonderlich überrascht über die Preise nachdem ich die Gäste dort gesehen hatte. 1950 Euro für 5 Tage Vollpension im Nirgendwo. Davon lebe ich ein halbes Jahr. Ich habe mir das Glas Wein auf der Terrasse des Resorts verkniffen und geniesse denselben Panorama-Blick besser kostenlos aus dem Cockpit der Carina.

 

Sauwetter – Vampire und polynesische Küche Teil 2

Die 3 ruhigen Tage sind um, der Wind kehrt zurück und auch ich kehre an meinen geschützteren Ankerplatz in Neiafu zurück. Und seit Samstag ist wieder Sauwetter. 3 Tage in denen wir wieder 40 Knoten Wind und viel Regen abwettern.

Die morgendliche Funkrunde amüsiert sich still über das Segelschiff das anfragt wo es denn Wasser bekommen könne um seine Tanks aufzufüllen. Bei dem Regen? Tagelang! Kein Schiff benützt seinen Wassermacher oder tankt Wasser am Chartersteg. Alle sammeln wir Regenwasser und haben mehr davon als wir horten und verbrauchen können.

Ich vertreibe mir die Sauwettertage mit der Verfeinerung meiner polynesischen Kochkünste. Ich mache Chips (Pommes) aus Brotfrucht, die sind echt gut, koche Bele, den Spinat der Südsee – war nicht so supergut wie erwartet - brate Platanen mit Zwiebeln, Knoblauch, Kurkuma und Karotten als Füllung für Tortillas und mache Limonade aus den hiesigen süßen Limonen. Die ist echt super.

Wenn der Regen grad mal eine Pause macht und man mal wieder den Kopf nach draußen strecken kann sieht und hört man die Vampire in den Bäumen wie sie sich lautstark um die besten Plätze zanken, sieht sie auffliegen um dann wieder kopfüber in den Ästen zu hängen. Man nennt sie Fruitbats, Flying Foxes oder auch Flughunde. Die sind groß! Sie haben eine Spannweite wie ein großer Rabe und sie kreisen jeden Abend über unseren Schiffen.

 

Adrenalina Pura  - Und Tonga ist doch schön …

… wenn es ausnahmsweise grad mal nicht regnet.

Es ist leider viel zu selten, aber zwischendurch gibt es doch gelegentlich ein paar sonnige Tage oder wenigstens Stunden mit wenig oder gar keinem Wind. Das ist die Zeit in der Tonga unglaublich schön ist.

Tongas Reiz und Schönheit liegt ausschließlich auf und im Wasser und dazu braucht es Sonne. An Land gibt’s kaum was Interessantes zu sehen, der Busch ist undurchdringlich und in den Dörfern alles ist so vernachlässigt und runtergekommen dass man schnell die Lust verliert durch die Dörfer zu streifen.

Für die kommende Woche ist Schönwetter angekündigt und ich mach auf den Weg zum Markt um einzukaufen. Wie befürchtet gibt es heut noch weniger als sonst da erstens Montag ist und am Sonntag nicht geerntet wird (da tut man gar nichts in Tonga) und zweitens weil es ja wieder 3 Tage nonstop geschüttet hatte und man deshalb nicht in den Gärten arbeiten und ernten konnte. Ich kehre mit nur ein paar Karotten und Platanen, etwas Brot und Butter als Proviant für evtl. 2 Wochen aufs Schiff zurück. Muss ich halt von selbstgemachtem Jogurt, Nudeln, Pesto und meinen Konserven leben. Ich will auf keinen Fall warten bis der Markt und die Läden wieder besser bestückt sind und so das wenige schöne Wetter verpassen. Ich hole den Anker auf, eine leichte Brise setzt ein, ich setze die Segel und mach mich auf den Weg nach Mala Island. Da beginnt es zu blasen mit 25 Knoten. Das Wetter kennt wohl gar kein Maß – entweder gar nichts oder zu viel. Dazwischen scheint es hier nichts zu geben.  Ich rechne mir aus dass ich bei dieser Windrichtung zwischen Utungake und Mala Island gut geschützt liegen müsste. Dort liegen die Japanese Gardens, wunderschöne Korallengärten, in denen ich die nächsten Tage schnorcheln wollte.  Aber der Wind folgt der Küste und weht mir nun genau auf die Nase. Trotzdem ist er noch ablandig und ich lasse den Anker in 10 m Sand zwischen die Korallen fallen. Es ist ein bisschen schaukelig, aber morgen soll es ja angeblich besser werden. Das Wasser im Korallengarten hinter Mala Island schillert in allen blau- grün und türkis Schattierungen. Ich freu mich darauf morgen wenn sich der Wind gelegt hat dort zu schnorcheln. So war der Plan.

Ich tausche Shirt und Short gegen einen Bikini und hab mir grad ein sonniges Plätzchen im Cockpit gesucht da sehe ich ein Segelschiff um die Ecke kommen. Es scheint ich bekomme Gesellschaft. Es kommt längsseits und ich erkenne Providence, mein Nachbarschiff aus Neiafu. Richard ruft herüber ob ich ihm durch den Korallengarten auf die andere Seite folgen wolle, dort würde er mir einen fantastischen Ankerplatz zeigen. Beides ist verlockend, ein Traum-Ankerplatz den ich noch nicht kenne und Gesellschaft zu haben, aber mit der Carina durch den Korallengarten in dem ich schon im Beiboot ins Schwitzen gekommen bin? Oufff! In den Revierführern heißt es man kann da mit einer Yacht nicht durch. Aber ich weiß Richard segelt da mit seiner 50 Fuß Yacht regelmäßig durch. Ich müsste nur ganz dicht hinter ihm bleiben und genau folgen. Überredet! Ich schlüpf wieder in Short und Shirt und hole den Anker auf.

Die Sicht ist gut man kann alle Korallen sehen. Ich hab nur 1 m unterm Kiel und rechts und links riesige Korallenblöcke zwischen denen wir Zickzack fahren. Es ist irre aufregend. Wird es noch flacher? Bin ich verrückt? Ich vertraue meine und Carinas Sicherheit einem fast Fremden an. Ich darf nicht aufhören meine eigenen Entscheidungen zu treffen. Bei 0,5 m setze ich mein Limit, dann würde ich stoppen oder umkehren. Aber das wäre wahrscheinlich noch schlechter als weiter hinterher fahren. Der Wind ist heftig – hoffentlich vertreibt er mich nicht seitwärts denn zwischen den Korallen ist nicht recht viel mehr Platz als Carinas Bauch breit ist. Ich schwitze - nicht wegen der Hitze - der Wind kühlt ordentlich - sondern vor Aufregung - dann endlich sehe ich wieder blaues Wasser vor mir– der Tiefenmesser zeigt 2 m, 3 – 4 – 10 m,  wir sind durch  - Gottseidank. Später erfahre ich dass Richard diese Durchfahrt per Beiboot mit dem Handlot ausgekundschaftet hatte und man wirklich keinen Meter davon abweichen darf.

Entspannt queren wir rüber auf die andere Seite zur Lisa Bay. Absolut geschützt ankere ich in 6 m Sand. Vom heftigen Wind ist hier nichts zu spüren. Die felsigen Ufer sind überwuchert mit dichtem Busch, Lianen hängen über die Felsen, Palmen stecken ihre Kronen aus dem Dickicht. Unzählige Vögel huschen zwitschernd von Busch zu Busch. In der Tiefe der Bucht Mangroven, ein Zeichen für einen geschützten Ankerplatz denn Mangroven mögen keinen heftigen Seegang. Das Wasser ist so klar und grün dass ich nicht widerstehen kann. Ich spring hinein und schwimm erst mal eine Runde. Und dann sitzen wir auf gemütlichen Stühlen auf dem geräumigen Deck der Providence, leeren eine Flasche australischen Shiraz und bewundern die Sonne die genau in der Durchfahrt zwischen den Inseln untergeht die ins offene Meer hinaus führt. Es war eine gute Idee hier her zu folgen.

Der nächste Morgen beginnt mit fröhlichem Vogelgezwitscher und dem zänkischen Geschrei der Fruitbats. Es ist sonnig und windstill. Ich lass mich im Dinghy durch die Bucht treiben, vorbei an den Mangroven, den überwucherten Felsen und Höhlen, entdecke eine Süßwasser Quelle die nur bei Niedrigwasser zugänglich ist, finde aber keinen Platz der interessant genug zum Schnorcheln wäre.

Ich schlage vor nach Taunga lsland rüber zu segeln, denn der Ankerplatz dort ist nur für westliche Winde geeignet die sehr selten sind -  oder wie heute, für gar keinen Wind. Richard hatte dieselbe Idee und so liften wir die Anker und sind wieder unterwegs.

 

Nemo und der kleine Hai

Der Ankerplatz an der Südostspitze von Taunga ist ein Traum. So stellt man sich die Südsee vor – schneeweißer Sand, Palmen und das türkisfarbenste Wasser das man sich nur vorstellen kann. Richard ist natürlich schneller und hat den Anker schon unten, sehr weit drin in der Bucht für die die Seekarten gar keine Tiefen mehr anzeigen da als sehr flaches Wasser gekennzeichnet. Ich bin noch ca. eine halbe Meile entfernt aber habe nur noch 1,5 m unterm Kiel. Langsam fahre ich weiter in die Bucht hinein, vielleicht ist das ja nur eine Sandbank über die ich drüber muss aber es wird nur noch flacher. Ich sehe ein paar schwarze Flecken im hellen Sand. Nur noch 1 m. Ich trau mich nicht weiter und lasse hier den Anker fallen. Richard winkt ich solle näher hineinkommen. Ich deute zurück – zu flach.

Er kommt mit dem Beiboot zu mir raus – er lacht – Du ankerst ja mitten im Meer! Er taucht unter mein Boot und sagt es wären noch 1,3 m unterm Kiel und ich solle weiter rein kommen. Die schwarzen Flecken seien nur Seegras und es wird nicht flacher. Ich überlege. Es ist kein Wind, keine Welle und sollten wir wirklich aufsitzen passiert nichts da ja alles Sand ist. Bei Hochwasser schwimmen wir auf alle Fälle wieder. Also weiter. Ich ankere hinter Providence und habe gerade noch 0,5 m unterm Kiel. Später, nachts kurz vor bei Niedrigwasser lese ich nur noch 0,2 m am Tiefenmesser. Ich will gar nicht wissen wie wenig es noch wird und leg mich schlafen.

Jetzt aber, am Nachmittag, packen wir erst mal Flossen und Taucherbrille ein und fahren rüber zum Sandspitz über den man bei Niedrigwasser zur Nachbarinsel wandern kann. Dann Flossen dran, Maske auf und ins 27 Grad warme Wasser. Viel ist nicht zu sehen nur vereinzelt ein paar sehr kleine Korallenblöcke. Um einen kreisen ein paar Doktorfische und auf der anderen Seiter wächst eine Seeanemone aus der Nemo, ein Clown Fisch, neugierig herausschaut. Sobald ich mich etwas bewege versteckt er sich wieder in seiner Anemone. Aber er ist einfach zu neugierig und kommt immer wieder heraus. Zwei weiß-blau-gelb gemusterte Drückerfische haben sich eingefunden und hinter ihnen kommt ein braun-beige gestreifter bedrohlich aussehender Fisch mit Stacheln auf dem Rücken. Der sieht doch ein wenig zu gefährlich und giftig aus und ich paddle von dannen.

Sandstrände gibt’s hier reichlich zur Auswahl und wir kehren zurück, zu dem, vor dem wir ankern. Überall liegen Kokosnüsse im Sand, aber da wir Beide ‚Experten‘ im Öffnen von Kokosnüssen sind, nehmen wir keine mit. Auf einem schmalen Trampelpfad queren wir auf die andere Inselseite zu einem weiteren Sandstrand an dem wir schwimmen gehen. Das Wasser ist hier warm wie in einer Badewanne. Nach 10 Minuten brauch ich eine Abkühlung und muss aus dem Wasser. Zurück auf der andern Inselseite kann ich mich gar nicht sattsehen von dem schönen Anblick. Der Sand, die Palmen das klare türkisblaue Wasser in dem unsere weißen Schiffe schaukeln, die kleinen grünen Inseln dahinter. Ein Schwarzspitzenhai ist neugierig geworden auf unsere Füße mit denen wir bis zu den Waden im Meer stehen. Der sieht richtig niedlich aus. Ist noch ein Junger. Ich hab mir die größer vorgestellt. Auch das Maul eines ausgewachsenen Schwarzspitzenhais ist zu klein um uns ernsthaft zu beißen. Meine Angst vor den eher scheuen Riffhaien schwindet zunehmend. Der kleine Hai ist noch weniger mutig als ich und dreht 1 m von unseren Füssen entfernt wieder ab.

Wenn jemals jemand behauptet hat Segeln wär romantisch dann trifft es auf diesen Platz zu. Kleine von goldenem Sand gesäumte Inselchen, klares Wasser in den schönsten Farbschattierungen, der Blick aufs offene Meer. Weit und breit kein Haus, keine anderen Schiffe. Bei Sonnenuntergang heben sich die schwarzen Silhouetten der Plamen gegen einen orangegelben Himmel ab. Aus der Ferne hört man die Brandung am schützenden Außenriff. Der Sternenhimmel ist unbeschreiblich. So viele, so nah und so hell dass wir glauben der Mond sei schon aufgegangen – aber auf den können wir noch lange warten. Mondaufgang ist erst um 06:00 Uhr morgens und auch da würden wir vergebens warten denn wir haben Neumond. Deshalb sind die Sterne heute so besonders hell – und heute ohne Wind ist das Meer so glatt dass sich die Sterne darin spiegeln. Noch lange sitze ich auf dem Vordeck mit einem Glas karibischem Rum und betrachte die Sterne über mir. So wie hier, muss das Paradies gewesen sein.

Am nächsten Morgen häng ich meine Moskitonetze auf. Das hätte ich gestern bereits tun sollen, denn das Schiff war voller Fliegen, Mücken und Flugameisen und einen Großteil der Nacht hab ich mit der Jagd auf sie verbracht. Es gibt halt doch kein wahres Paradies mehr. Irgendeinen Nachteil hat es immer. Trotzdem genieße ich den Traumblick aus meinem Cockpit mit meinem Frühstückskaffee und freue mich dass auch heute die Sonne wieder scheint.

Richard kommt herüber, er bekommt auch eine Tasse Kaffee in die Hand gedrückt und wir machen Pläne für den heutigen Tag.

Der Wind wird heute Abend zurückkommen und weil es gar so flach ist wo wir ankern ist es keine gute Idee hier eine weiter Nacht zu verbringen.

Mittags wenn die Sonne hoch am Himmel steht und die Sicht gut ist wollen wir los, rüber nach Kenutu, ans östliche Außenriff. Vor uns liegt eine sehr schwierige Passage durch das Riff in sehr flachem Wasser zu dem man unbedingt gutes Licht benötigt um nicht auf den Korallen zu landen. Eine Tour die ich alleine wahrscheinlich nicht wagen würde.

Die Zeit bis dahin nutzen wir um gemeinsam mein Schiff abzutauchen und zu putzen denn da unten hat sich bereits wieder ein Wald aus Seegras und Schwämmen und allerhand Getier angesiedelt.

 

Durchs Riff nach Kenutu - Trauminsel am Außenriff, Klippen und Tongan Dirt.

Als wir den Anker aufholen um nach Kenutu zu starten ist Spring-Niedrigwasser – also das niedrigst mögliche Niedrigwasser überhaupt. Der Tiefenmesser zeigt jetzt gar nichts mehr an, aber wir schwimmen definitiv noch. Es können nur noch ein paar Zentimeter unter dem Kiel sein. Höchste Zeit hier weg zu kommen. Ohne besondere Vorkommnisse erreiche ich bald wieder so tiefes Wasser dass der Tiefenmesser wieder nichts anzeigt, denn bei 80 Metern hört er auf.

Bis wir zur schwierigsten Passage kommen hat sich die Sonne hinter den Wolken versteckt und die Sicht ist gar nicht optimal. Ich kann an Carinas Steuerbordseite die Korallen einigermaßen erkennen und ihnen ausweichen aber an Backbord muss ich raten. Ich hoffe nur dass alles gut geht und folge so dicht und gut wie möglich hinter Richard. Und der Adrenalinspiegel steigt mal wieder. Dann endlich sind wir wieder in tiefem Wasser. Weiter vor uns liegen noch einige größere Riffe zwischen denen es tiefe weite Passagen gibt. Laut Karte gäbe es ja überall Tonnen und Markierungen, auch durch die schwierige flache Riffpassage, aber die Wirklichkeit hat schon lange keine mehr. Es ist Niedrigwasser, die Sonne scheint jetzt wieder und man kann kleine Brecher auf den Riffen erkennen und ihnen so gut ausweichen. Laut Karte fahren wir gerade über eines drüber. In der Wirklichkeit sind wir mit gutem Abstand daneben und haben 15 m unterm Kiel.

Es sieht fantastisch aus. Die kleinen Brecher über dem Riff, das Wasser türkisblau in den Lagunen, dunkelblau im tiefen Wasser dazwischen und draußen am Außenriff brechen sich die riesigen Wellen des großen Pazifiks. Die Brandung ist lauter als Carinas Motor. Vor uns ein paar Inseln, eine Gruppe sehr hoher Felsen und immer wieder sieht man die Gischt höher als die Felsen spitzen. Kenutu ist unbewohnt, dicht bewaldet und von einem weißen Strand gesäumt. Zwischen Kenutu und den Felsen drängt sich die Brandung durch, wird aber von einem weiteren Riff abgehalten so dass wir ganz ruhig hier im Sand ankern. Ich klettere mal wieder in den Mast um den Blick von oben über den Ankerplatz und die Insel bis ans Außenriff zu genießen. Die 3 Schiffe die uns zögernd mit viel Abstand gefolgt waren und einige Male aufgestoppt und die Führung einem anderen Schiff übergeben hatten sind inzwischen auch heil am Ankerplatz eingetroffen. Wir sind diesmal zu fünft. Ich bin fasziniert von der Brandung und der Gischt die über die hohen Felsen spritzt, schwimme obwohl ein großer mir unbekannter Fisch (mindestens Delfingröße) einige Male neben der Carina Saltos geschlagen hatte. Es ist einfach zu schön und friedlich hier um sich vor irgendetwas zu fürchten.

Dann starten wir zum Landgang und machen einen Spaziergang auf die andere Seite der Insel. Welch ein Kontrast. War die nur 300 m entferne Westküste vor der wir ankern lieblich, grün und sandig ist die Ostküste wild und rau mit ca 50 m hohen rotbraunen Klippen.  Nur wenige Meilen von hier fällt der Meeresgrund 10.000 m tief ab zum sogenannten Tongan Trench. Keine weiteren Inseln oder schützende Riffe halten die Wellen auf die hier mit ungebremster Wucht gegen die Felsen donnern. Es ist dramatisch schön. Ganz oben, direkt auf der Kante einer Klippe, hat ein deutscher Schriftsteller eine Hütte errichtet in der er viele Jahre gelebt hat. Zuletzt vor ca 6 Jahren. Jetzt ist sie leider zerstört. Vermutlich vom Wind.

Wir gehen Tongan Dirt (Erde) sammeln. So nennt man hier diese rotbraune Erde die zum Färben von Kleidung verwendet wird. In Neiafu haben ehemalige Segler ein Geschäft daraus gemacht und verkaufen Tongan Dirt-Shirts. T-Shirts die mit dieser Erde gefärbt wurden, vorne ein kleines Schweinderl drauf haben und hintern ein Motiv nach Wahl. Sie sehen aus als hätte man sie gerade durch den Schlamm gezogen, aber irgendwie sind sie originell.

Wir sehen dass hier Wildschweine die lockere Erde aufgegraben haben um an die Wurzeln zu kommen. Sie müssen ganz in unserer Nähe sein denn die Insel ist nicht sehr groß. Trotzdem sitzen wir auf den Klippen und bestaunen das gigantische Schauspiel. Kenutu ist die schwierige Passage durchs Riff wirklich wert.

Wir beschließen morgen früh zum Sonnenaufgang wieder hier her zu kommen und auf den Klippen im Licht der aufgehenden Sonne zu frühstücken.
Als ich um 05:30 Uhr den Wecker zum Schweigen bringe kann ich mich noch mal umdrehen denn es regnet wieder mal und aus dem schönen Sonnenaufgangsfrühstücksplan ist leider nichts geworden.

 

Farbenfrohe Weichkorallen und Einsiedler

Der Wetterbericht meldet für abends und morgen 15 bis 20 Knoten Wind. Zeit Kenutu wieder zu verlassen um bevor der Wind auffrischt wieder durch die gefährliche Riffpassage zu sein. Wir müssen früh los um das Licht noch im Rücken zu haben und so starten wir bereits um 08:00 morgens. Frühstück fällt aus und meinen Kaffee trinke ich während der Fahrt.

In der schwierigen Riffpassage ist das Licht diesmal gut und ich kann all die Korallen gut erkennen. Auf der Route über die wir hergekommen sind sehe ich einige Korallenblöcke vor mir und weiche aus, verlasse die Route und muss mir nun einen neuen Weg durch das Korallenlabyrinth suchen. Richard ist diesmal weit voraus, hat auch eine andere Route gewählt und ist mir diesmal keine Hilfe. Es wird sehr stressig. Normalerwiese hat man auf solchen Passagen eine Person am Bug stehen und idealerweise eine oben im Mast die vorausschauen und den Weg weisen. Ich würde mich jetzt gerne dreiteilen. Langsam kreuze ich zwischen den Korallenblöcken hin und her und gelegentlich laufe ich schnell mal zum Bug um zu sehen welchen Weg ich einschlagen soll. Dazu muss ich sehr schnell sein, denn ich muss ja auch gleichzeitig das Schiff in diesem Irrgarten steuern. Endlich durch - erlöst - und Kurs auf Tapana durch endlos tiefes Wasser.

Wir ankern südlich von Tapana hinter einer kleinen Insel die uns Schutz vor den Ostwinden bietet. Aber noch ist der Wind recht leicht und wir flitzen mit dem Beiboot nach Fafina Island zu einem Riff an dem die seltenen Weichkorallen wachsen. Da es dort keine Möglichkeit gibt das Dinghy zu landen oder zu verankern – auf dem Riff ist es zu flach, daneben zu tief - ziehen wir das Dinghy einfach hinter uns her. Die Strömung treibt uns schnorchelnd an der Riffkante entlang. Wow, ist das schön und beeindruckend. Das der kleinen Insel vorgelagerte Riff fällt fast senkrecht in unendlich dunkele Tiefen ab. Verschiedenartige bunte Rifffische schwimmen an ihm entlang. Die Weichkorallen die an den steilen Abhängen wachsen leuchten gelb, hellgrün, rosa, lila im Sonnenlicht das das klare Wasser durchdringt. Eine große Languste streckt ihre langen Fühler aus einer Riffspalte. Die Strömung schiebt uns am Riff entlang. Es scheint gar nicht aufhören zu wollen und es ist wunderschön. Ich bin zwar schon sehr verwöhnt vom Indischen Ozean was Korallenwälder und Rifffische betrifft, aber ich hab noch nie so leuchtend bunte Korallen gesehen.

Ich bin froh dass Richard mir das alles zeigt und gemeinsam mit mir hier rumschnorchelt. Alleine hätte ich das nie machen können. Für mein kleines Beiboot ist das Riff viel zu weit vom Ankerplatz entfernt. Und alleine wäre es auch zu gefährlich hier draußen denn die Strömung erreicht 2 bis 3 Knoten. Und damit habe ich bereits schlechte Erfahrung gemacht – wär ich doch vor Jahren auf den Komoren beinahe ertrunken weil ich es nicht durch die Strömung zurück zum Schiff geschafft habe. Zum Glück waren wir zu dritt und meine Begleiter bereits zurück auf dem Schiff so dass sie mich mit dem Beiboot retten konnten. Lang ist‘s her, aber die Lektion unvergessen.

Unsere Entdeckungstour geht  nun zu Lande weiter. Über den Sandstrand wandern wir um die Insel Tapana herum, finden einen Pfad der ins Inselinnere führt und  Flossen und Taucherbrillen liegen am Wegesrand - ein Zeichen dass hier Palangi sind (Palangi = So nennen die Tonganer Ausländer aus den westlichen Ländern). Wir folgen dem Weg durchs Dickicht bis wir Hundegebell hören. Durchs Gebüsch können wir eine einfache Holzhütte sehen. Richard ruft ‚Hallo Halloo‘ und eine Frau erscheint auf den Stufen. Der Hund verstummt und holt sich schwanzwedelnd jede Menge Streicheleinheiten bei uns ab. Wir werden in den Schatten des Häuschens gebeten. Ein neuseeländisches Paar (geschätzt 40 Jahre alt) hat beschlossen für 10 Jahre auf einer einsamen Insel zu leben und so sind sie hier gelandet. Das Holzhaus das sie errichtet haben besteht nur aus einem ca 10 qm großen Raum in dem eine große Matratze auf dem Boden ein Doppelbett bildet. Ein Baumstumpf daneben dient als Nachttisch. Ein paar einfache Kisten und Schränkchen dienen als Küche. Und es gibt 2 Stühle. Die Fensterbank des fast immer geöffneten riesigen Hauptfensters ist der Esstisch. Schränke gibt es nicht denn sie haben ohnehin nichts was sie darin verstauen könnten. An Kleidung haben sie nicht viel mehr als sie gerade anhaben. Und in Tonga wird es ja auch nie kalt. Ein Umo (Erdofen) vor der Holzterrasse von der sie einen Traumblick aufs Meer und die vorgelagerten Inseln haben. An manchen Tagen können sie die Wale von der Terrasse aus sehen. Sie bauen ein wenig Wurzelgemüse an und leben von dem was im Busch wächst und im Meer schwimmt. Ein Kajak am Strand und eine Solarzelle auf dem Dach das ist alles was sie an Luxus, zum Überleben und Glücklichsein brauchen. Und es sieht sogar recht gemütlich aus wie sie hier hausen.

 

Am nächsten Morgen holen wir bereits wieder den Anker auf und ziehen weiter. Richard segelt zurück nach Neiafu denn es ist Freitag. Als Organisator der wöchentlichen freitäglichen Harbour-Rum-Race an der jeder Segler oder Nichtsegler mit oder ohne eigenem Boot teilnehmen kann muss er natürlich da sein. Ich segle in die Tapana Bay, denn der Wind hat auf 20 Knoten aufgefrischt und da ist es hier draußen etwas ungemütlich.

Und schon ist es wieder vorbei mit dem schönen Wetter. Es ist bewölkt die Tage gefüllt mit Nieselregen und der Wind bringt relative kühle Luft so dass ich sogar in T-Shirt und Short ein wenig fröstle und nachts die Luke schließe weil es so kalt in mein Bett bläst.

 

Eine bewundernswerte Frau - Shirley und die kleine gelbe Dschunke

Es klopft, „Carina, Carina“ höre ich ein Frauenstimme rufen. Ich eile nach draußen und sehe eine alte Frau in einem kleinen gelben Dinghy. Ich bin hocherfreut. Das ist Shirley. Man hat mir bereits von ihr erzählt. Sie segelt solo auf einem winzigen kleinen gelben Boot durch die Welt. Ich weiß, es gibt außer mir weitere Frauen die Einhand, also alleine, unterwegs sind, wenn auch nicht viele, aber ich habe noch nie eine getroffen. Und deshalb freu ich mich nun Shirley zu treffen deren kleine gelbe 25 Fuß (7,5 m) große Dschunke unweit von mir an einer Boje hängt.

Wir Einhandsegler werden ja immer bewundert weil wir ganz alleine über die Weltmeere segeln. Wenn man dann auch noch eine Frau ist erst recht und je kleiner das Schiff ist umso mehr.

Ich selbst empfinde es nicht als so etwas Besonderes, für mich ist es inzwischen ganz normal, was nicht heißt dass ich es nicht genieße. Aber Shirley bewundere ich. Ihr Schiff ist noch viel kleiner als meines und hat ein Dschunken Rigg. Sie ist 11 Jahre älter als ich (71 Jahre alt) und taub. Sie hat einen Monat vor mir den Panamakanal durchquert und ist einen Monat später als ich in Französisch Polynesien angekommen. Ich habe 45 Tage gebraucht, sie 86. Unterwegs ist ihre Windsteuerung irreparabel kaputt gegangen, einen Autopilot hat sie nicht und sie musste 2000 Meilen ganz alleine per Hand steuern. 5 Tage lag sie beigedreht in einem Sturm. Das Segel und vieles andere an Bord ging kaputt. Angekommen auf den Gambier Islands in Französisch Polynesien hat sie als Südafrikanerin keine Aufenthaltsgenehmigung erhalten und musste sofort weiter. Sie ist dann nach Raiatea (auch Französisch Polynesien) gesegelt. Dort hat man ihr 2 Wochen gewährt um das Allernötigste zu reparieren. Und so ist sie mit Notreparaturen weiter gesegelt nach Tonga um hier die Wirbelsturmsaison an einer Boje in der einsamen abgelegenen Tapana Bay zu verbringen und ihr Schiff hier wieder tiptop zu reparieren. Im November will sie nach Neuseeland genau wie ich. Ich werde 2 Wochen brauchen – sie vier. Ich war heute auf ihrem Schiff auf Besuch. Ist meines schon sehr klein – ihres ist winzig. Sie hat eigentlich so gut wie keine Navigationshilfen an Bord, nur ein Tablet mit elektronischen Seekarten, einen Weltempfänger über den sie das Wetter über Morsezeichen empfangen kann, die dann eine App auf ihrem Tablet in ein Wetterfax umwandelt. Mit solchen Dingen ist sie fit, denn sie ist Informatikerin (da haben wir also noch einen Gemeinsamkeit). Kein Radar, kein AIS, keinen Kartenplotter, nur ein UKW- Funkgerät und einen Radarreflektor. Ich bewundere sie für ihre unglaubliche Leistung und das Durchhaltevermögen und ich mag sie sehr denn sie ist eine so herzliche liebe Frau. Schön endlich eine solo segelnde Frau gefunden zu haben.

Diese Begegnung und die gegenseitigen Besuche haben mich ein wenig über das Wetter hinweg getröstet denn das ist seit ich vor 3 Tagen in der Tapana Bay den Anker fallen ließ wieder regnerisch und stürmisch. Ich nutze die Zeit für Motor-Checks, diverse Ölwechsel und Aufräumarbeiten im Schiff.

 

Wo sind die Wale?

Nachdem es seit Tagen wieder Nieselregen hat der nicht nur frustrierend sondern auch absolut nutzlos ist, man kann nicht mal Wasser sammeln, und die Tapana Bay außer gutem Schutz vor den stürmischen Winden nichts weiter zu bieten hat beschließe ich nach Neiafu zurück zu kehren. Im Nieselregen hole ich den Anker auf und verlasse die Bay. Zum Glück lichten sich die Wolken bald etwas und zwischen weiteren kleinen Schauern scheint die Sonne. Ich beschließe mich auf die Suche nach den Walen zu machen. Ständig höre ich von anderen Seglern dass sie Wale gesehen haben, dass die Wale sogar in die Ankerbuchten kamen und sie im Schiffsinneren durch die Bordwände den Walgesang hören konnten. Aber wo sind sie? Ich habe in den 2 Monaten in Tonga noch keinen einzigen gesehen. Dabei ist Tonga berühmt für seine Buckelwale die hier von Juli bis Oktober verweilen um sich zu paaren, zu kalben und die Jungen aufzuziehen.

Ich nutze den guten Wind und die gelegentlich scheinende Sonne und segle zwischen all den südlichen Inseln auf und ab. Hier ist angeblich der Bereich in dem immer Buckelwale anzutreffen sind. Ich schau mir die Augen aus aber kein Wal weit und breit. So klein wären sie ja nicht mit 13 – 18 m und 20 - 30 Tonnen dass man sie übersehen  könnte. Nachdem ich alle Inseln gerundet hab, alle Kanäle durchquert und immer noch keinen Wal gesehen habe gebe ich frustriert auf und mach mich auf den Heimweg.

Auf Neiafu hab ich heut noch keine Lust und so ankere ich kurz davor hinter der kleinen Insel Lotuma. Hier ist es geschützt vor den frischen Südostwinden und es ist ruhig und sehr hübsch. Allerdings ist der Bereich in dem es flach genug zum Ankern ist nur ein sehr schmaler Streifen ganz dicht am Ufer. Nachdem der Anker unten ist fahre ich mit  dem Beiboot den Umkreis ab um nachzusehen wie tief es über den schwarzen Flecken ist die rund um mich zu sehen sind. Wow, da sind riesige Korallenblöcke und Hunderte von Fischen unten. Carina schwebt ca. 4 m über ihnen und ein paar Meter weiter wird es richtig flach. Ich ziehe Flossen, Taucherbrille und Schnorchel an und stürze mich ins Wasser. Unglaublich schön, alle Arten von Korallen, Hart- und Weichkorallen in allen Farben und Formen und eine Vielfalt von Fischen wie ich sie noch an keinem anderen Ort gesehen habe. Leider ist das Wasser hier nicht so glasklar wie auf den äußeren Inseln und das Licht am Spätnachmittag nicht mehr so gut. Erst als ich mich Auge in Auge mit einer Muräne befinde, die mich neugierig aus einer Riffspalte beäugt, beschließe ich zur Carina zurück zu schwimmen. Es ist ohnehin Zeit das Wasser zu verlassen denn wenn es auf Sonnenuntergang zugeht sind die Raubfische unterwegs und dann kann es durchaus gefährlich werden. Auf eine Begegnung mit einem ausgewachsenen Hai im Wasser hab ich keine Lust. Ich hoffe auf etwas Sonne morgen früh für einen zweiten Versuch der mich dann etwas über die nicht gefundenen Wale hinwegtrösten würde. Viel Gelegenheit gibt es nicht mehr ihnen noch zu begegnen, denn der Wind scheint günstig am Wochenende für die 380 Meilen Passage nach Samoa. Tongas Reiz liegt ausschließlich im Wasser. Samoa hat alles zu bieten, Wasser, Riffe, interessante Landschaften und schöne Dörfer, Kultur und Geschichte. Ich freu mich auf diese Abwechslung. Und dann hoffe ich wenn ich im Oktober wieder nach Tonga zurückkomme, dass das Wetter besser sein wird und noch ein paar Wale hier sind. Zumindest haben die Buckelwale und ich dann denselben Weg, Richtung Süden, entlang den tongaischen Inseln. Ich nur bis Neuseeland, die Wale bis in die Antarktis. Vielleicht begleiten sie mich ja dabei ein Stück und zeigen sich mir auch mal. Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es.

 

Glückliche Zufälle        

Wieder zurück in Neiafu an meinem gewohnten Ankerplatz genieße ich die Gesellschaft der inzwischen in Tonga gewonnenen Freunde und ein wieder gut gefülltes Obst und Gemüseregal.

In der morgendlichen Funkrunde versuche ich wieder mal mein Glück und frage ob jemand einen Beibootpumpe übrig hat die er verkaufen würde. UND … heute hab ich Glück. Gleich doppelt! Ein Segelschiff meldet sich, sie hätten eine Reservepumpe die sie nicht mehr brauchen und auch die Werft meldet sich dass eine Lieferung aus Neuseeland eingetroffen ist. Gleichzeitig ist das Schiff das die Pumpe anzubieten hat auf der Suche nach einer Digitalkamera die wiederum ein anderes Schiff anzubieten hat, aber ohne Software für den Download auf den Computer was den Käufer etwas zu verwirren scheint und zögern lässt obwohl die Kamera ein wahres Schnäppchen ist. Ich funk ihn an und erkläre dass dies gar nicht nötig sei, er könne ja den Chip aus der Kamera nehmen und direkt in den Cardreader-Slot im Computer stecken. Ja, das wüsste er schon aber der Kartenleser in seinem Computer sei kaputt. Da kann ich nun wieder aushelfen, denn ich habe einen USB-Kartenleser den ich nicht benötige. Und so tauschen wir einfach. Ich bekomme eine Beibootpumpe und er einen Kartenleser und alle sind glücklich.

Am nächsten Morgen berichtet das Schiff 'Barbarossa' es hätte am Strand einer der äußeren Inseln einen grau-weißen Beibootsitz gefunden, ob den jemand vermisse. Ich habe meinen im Sturm auf der Überfahrt hierher vor 2 ½ Wochen verloren. Weit draußen auf dem offenen Meer, ca 40 Meilen von hier entfernt. Ein wenig Hoffnung keimt auf, aber ich halte es für sehr unwahrscheinlich dass MEIN Sitz tatsächlich den weiten Weg geschafft hat und hier an den Inseln angetrieben sei. Als ich das Schiff am Ende der Funkrunde anfunke um Details zu erfragen antwortet es leider nicht..

2 Stunden später rudere ich zum kleinen Fischerhafen um Diesel zu besorgen und einzukaufen. Auf dem Weg dorthin (fast eine Meile) komme ich an all den Schiffen vorbei die hier an den Bojen hängen. Ein Mann steht auf dem Vordeck eines Schiffes und wir grüßen uns. Als ich daran vorbeigleite sehe ich den Schiffsnamen: „Barbarossa“. Ahh, ihr seid Barbarossa, rufe ich erfreut. Ja, und Du bist die die den Beibootsitz verloren hat? fragt er zurück. Es ist ziemlich offensichtlich dass der Sitz in meinem Beiboot ein Provisorium ist. Er holt den Sitz und ich würde am liebsten vor Freude einen Luftsprung machen. Es ist tatsächlich meiner. Er ist uns 40 Meilen bis nach Vava’u gefolgt – ich kann es gar nicht glauben. Ich bekomme meinen Sitz zurück und wir stellen fest dass wir uns bereits aus Tahiti (vom letzten Jahr) kennen.

Wenig später im Hafenbüro: Ich erfrage die Ankergebühr für meinen Aufenthalt in Vava’u und darf mich schon wieder freuen. Weil die Carina so leicht ist (die Gebühr wird nach der Großtonnage des Schiffes berechnet und Carina hat nur 3,5 t) kostet es für die 3 Wochen nur 5 Pa’anga, das sind 2 €. All diese Glücksfälle muss ich aber jetzt feiern und paddle diesmal am blauen Hausboot, dem Hideaway, einer schwimmenden Bar, nicht vorbei sondern halte auf ein kaltes Bier an.

Meine Welt ist wieder in Ordnung. Ich habe auf dem Markt und in den Läden alles bekommen was ich brauche und wollte, das Wetter scheint stabil und optimal für die Überfahrt nach Samoa zu bleiben, die Carina ist wieder startklar. Jetzt brauche ich nur noch „Regen“ um Carinas Tank zu füllen, denn der ist nun fast leer.

Statt dem ausnahmsweise ersehnten Regen kam die sonst so seltene Sonne. Zum Glück hat mir mein Nachbar 25 l von seinem Trinkwasser abgetreten und so muss ich nicht das gechlorte Wasser von der Charterbasis kaufen.

Wir sind startklar. Vor uns liegen 380 Seemeilen offenes Meer und ich freu mich auf auf eine endlich wieder mal mehrtägige Überfahrt. Ich rechne mit 4 Tagen.

Schiff Ahoi – Samoa wir kommen!

 
 

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