background
Logo Unter weißen Segeln

Carina's Logbuch

Eine kurze Geschichte von einer abwechslungsreichen Überfahrt

Von Tonga nach Samoa – August 2019

 

Ein ruhiger unkomplizierter Start

Als ich in Neiafu/Tonga zum Zoll komme sitzen in der Lagerhalle ca 20 Männer und Frauen im Kreis auf kleinen Holzbänkchen. Sie haben gerade ein Meeting, ob ich in 20 Minuten wieder kommen könnte. Also erledige ich zuerst meine Einkäufe, gehe auf den Markt und warte dann aber doch noch fast eine Stunde bis ihr Meeting beendet ist. Ist ja kein Problem, ich habe Zeit. Will ohnehin erst mittags los.

Das Ausklarieren aus Tonga war dann ganz einfach. Die Hafengebühr fürs ankern in Vava’u berechnet sich nach der Groß Tonnage des Schiffes und der Dauer des Aufenthaltes. Da die Carina nur 3,5 Tonnen hat bin ich gut davon gekommen - 2 Euro für 3 Wochen. An dem kleinen Tischchen in der Lagerhalle beim Zoll, der auch gleichzeitig Immigration ist, ist man zwar nicht begeistert dass ich vor der Wharf ankere anstelle anzulegen aber man akzeptiert es. Ein Stempel in den Ausweis, ein Ausklarierungsformular, keine Kosten und nach 10 Minuten bin ich abgefertigt.

Nachdem das Beiboot unter Deck verstaut ist setze ich die Segel und verlasse Neiafu bei leichtem Rückenwind aus Ost. Der Wetterbericht hat günstige Winde aus dem östlichen und südöstlichen Sektor mit 15 bis 20 Knoten vorhergesagt, es wird also eher eine flotte Überfahrt werden. Vor mir liegen 380 Seemeilen und ich habe meine Ankunft in Samoa für Freitag früh angekündigt, das wäre in knapp 4 Tagen. Als ich endlich aus Vava’us Inselgewirr draußen auf dem offenen Meer bin ist der Wind sehr bescheiden und kommt aus Nordost, d.h. wieder am Wind segeln und leider nur 2 Knoten Fahrt. Das Meer ist dementsprechend ruhig. Aber die ca 1 m hohen Wellen kommen genau gegenan was das Ganze dann doch noch mehr verlangsamt und etwas unangenehme Schiffsbewegungen verursacht. Vava’u verschwindet allmählich am Horizont. Das Wetter bleibt unverändert, auch am nächsten Tag schleichen wir mit nur 2 Knoten dahin. Wenn es nicht bald sehr viel Wind gibt schaffen wir es nicht mehr am Freitag in Samoa anzukommen. Das würde bedeutet ich muss in diesem Fall das ganze Wochenende bis Montag am Ankerplatz aufs Einklarieren warten  und darf solange das Schiff nicht verlassen.

 

Eine unangenehme Abwechslung

In der zweiten Nacht kommt etwas mehr Wind auf, aber es reicht auch nur für 3 Knoten Fahrt. Am Morgen, kurz nach Sonnenaufgang knallt etwas draußen. Oh je, die Reffleine der Genua ist wieder gerissen. Das hatte ich ja bereits auf der Überfahrt von Neuseeland nach Minerva. Ich hatte die alte Reffleine geflickt und eigentlich war es absehbar dass sie wieder reißen wird, jedoch hatte ich das nicht bei so moderaten Windbedingungen erwartet.

Diesmal ist es nicht so dramatisch. Der Wind ist noch sehr bescheiden, das Meer relativ ruhig und ich bin darauf vorbereitet. Ich habe bereits eine Ersatzleine gefertigt die ich nur noch einfädeln muss und dann entweder provisorisch befestigen oder wenn es die Bedingungen zulassen, spleißen kann. Und ich weiß inzwischen aus leidlicher Erfahrung wie es geht, was ich brauche und welche Fehler ich nicht mehr machen darf.

Aber ich weiß auch dass es nicht in ein paar Minuten erledigt sein wird. Deshalb frühstücke ich erst mal. Das Segel war ja ohnehin ganz draußen also macht es keinen Unterschied. Ich darf nur nicht zulange warten. Wer weiß sie lange das ruhige Wetter noch anhalten wird.

Nachdem ich mein Sandwich verspeist habe mach ich mich an die Arbeit. Das Einfädeln der neuen Reffleine geht relativ problemlos und diesmal gibt es auch keine schlagenden Schoten. Nachdem es immer noch ruhig ist mach ich mich auch noch an die Spleißarbeit. Das dauert allerdings und da das Schiff ja doch auch in den Wellen tanzt ist mir nach Beendigung der Arbeit kotzübel. Schnell schnapp ich mir eine Tüte und schon geht’s los …. Leider hält die Tüte nicht was sie verspricht. Sie reißt unten auf und der ganze Schlammassel plätschert über meine Beine auf den Cockpitboden. Der ist mit Holzgrätings bedeckt so dass nun alles zwischen den schmalen Leisten hängenbleibt. So eine Sauerei. Jetzt muss ich auch noch putzen. 30 Minuten später ist alles fertig – ich auch.

Bis zum Abend hat der Wind aufgefrischt und wir segeln inzwischen mit gereffter Genua durch die Nacht.

 

Weil nichts bleibt wie es war …

Inzwischen ist es Donnerstag, wir haben herrlichen Segelwind und können leicht 5 Knoten segeln. Die neue Reffleine hält, die Sonne scheint und alles wäre wunderbar, aber nun muss ich das Schiff bremsen um nicht mitten in der Nacht in Apia anzukommen. Die Freitagsankunft kann ich eh streichen. Der leichte Wind und die Reffleinenreparatur haben zu viel Zeit gekostet. Also bremse ich auf 3 Knoten herunter um im Morgengrauen die Einfahrt durchs Riff nach Apia zu nehmen. Schade so sehe ich wieder nichts von der Süd- und Ostseite Samoas.

Am Abend ziehen dunkle Wolken auf, ein Squall. Zum Glück ist nicht allzu viel Wind drin aber dafür umso mehr Regen. Mit dem 3. Reff kann ich weiterhin auf Am-Wind-Kurs den Squall absegeln. Nachdem der durch ist, und ich gerade überlege wieder auszureffen kommt der nächste. Und so geht das nun die ganze Nacht. Ein Squall nach dem anderen, alle 30 Minuten und Regen, Regen, Regen. Ich muss das Schiff geschlossen halten und bedauere dass ich unterwegs kein Regenwasser sammeln kann. Diese Wolkenbrüche hätten meinen Tank in kürzester Zeit gefüllt.

Da zwischen den Squalls kaum Wind ist und die Zeit zu kurz ist um jedes Mal aus und wieder einzureffen, kommen wir entsprechend langsam voran.

Zu Sonnenaufgang erreichen wir gerade die Ostecke Samoas. Aber sehen kann ich sie nicht. Es regnet und regnet immer noch. Der Wind ist nun beständiger und wir segeln nun mit 4 Knoten im Abstand von 2 bis 3 Meilen an der Nordküste Samoas entlang Richtung Apia. Sehen kann ich die Insel jedoch immer noch nicht. Der Himmel ist mit grauen Wolken verhangen und der Regenschleier so dicht dass ich keine 200 m weit schauen kann.

Erst gegen Mittag lichten sich die Wolken. Ich kann Apia bereits sehen und melde mich über Funk bei Apia-Port-Control auf Kanal 16 an.

Ich ankere hinter der gelben Boje im Hafen von Apia und warte nun auf Montag zum Einklarieren. So lange darf ich nicht von Bord und es stört mich überhaupt nicht.

Heute richte ich erstmal die Carina wieder her, lass die Segel im leichten Wind in der Sonne trocknen bevor ich sie wegrolle und abdecke, lüfte, putze und schlaf mich dann erst mal richtig aus, denn die Nächte vor der Ansteuerung einer Insel sind immer schlaflos – wäre ja auch zu gefährlich sich in Küstennähe schlafen zu legen.

Penny vom Nachbarschiff kommt zur Begrüßung herüber und wir plaudern lange von Boot zu Boot, denn an Bord bitten darf ich sie nicht solange ich nicht einklariert bin.

Ich genieße den Sonnenuntergang aus meinem Cockpit. Die Sonne verschwindet rotgold hinter der Palmenreihe. Die Lichter Apias spiegeln sich im Wasser und ich bin sooo froh wieder in Samoa zu sein. Das war eine gute Entscheidung.

Auch der Sonntag ist sonnig und ungewohnt heiß für mich nach dem regnerischen kühlen Tonga. Es scheint sich nichts verändert zu haben seit letztem Jahr. Die Marina besteht immer noch aus nur einem kleinen Steg, die neue Brücke ist immer noch nicht fertig – nur ein Brückenpfeiler mehr als letztes Jahr und das traditionelle Waka ankert immer noch draußen hinterm Riff. Ich blase das Beiboot auf, betrachte die anderen Schiffe am Ankerplatz und bin rundherum zufrieden.

 

Einklarieren in Samoa

Montag morgen 09:00 Uhr. Ich schaufle gerade eine Portion Rührei aus der Pfanne auf den Teller und richte den Frühstückstisch für mich im Cockpit. Da meldet sich am Funk Apia Port Control, ob irgendwelche Schiffe am Wochenende angekommen seien und einklarieren müssten. Ich melde mich. Ich solle mit dem Beiboot in die Marina kommen und die Beamten dort abholen. Wie viele sind es denn, frage ich besorgt zurück, denn mein Beiboot ist sehr klein und die Samoaner groß und dick. 2-3 lautet die Antwort. Puhh, das entspricht 5 Europäern, da muss ich 3x fahren um sie alle auf die Carina zu bringen, das kann dauern. Neben mir ankert eine große Yacht mit einer 5 köpfigen Familie die gestern auch kurz zu einem Willkommensplausch an der Carina angehalten hatten. Die haben ein großes Beiboot und so rudere ich nun dort hinüber und bitte den Skipper ob er denn mit seinem Beiboot die Beamten zu mir an Bord holen würde. Na klar, das macht er gerne, und schon sind wir unterwegs Richtung Marina. Dort warten tatsächlich 3 mächtige Beamte auf uns. Sie sind skeptisch ob sie alle 3 im Beiboot Platz haben aber wir ermutigen sie einzusteigen und schon geht’s los. Die 3 haben offensichtlich Spaß, machen Selfies im Beiboot mit ihren Smartphones und winken all den Kapitänen und Hafenarbeitern zu an denen wir vorbeifahren. Der Immigrationsbeamte gesteht er sitze zum ersten Mal in seinem Leben in einem Beiboot.

Auf der Carina sitze ich nun mit dem Quarantäne- und dem Zollbeamten im Salon, während der Immigrationsbeamte es vorzieht im Cockpit zu bleiben. Ich fülle meine Formulare aus und freu mich dass diesmal sogar Immigration an Bord kam was mir den Weg in die Stadt und langes Warten ersparen wird. Leider hat er vergessen die Formulare mitzubringen und so müsse ich nun doch in die Stadt laufen. Während ich meine Formulare ausfülle halten sie Ausschau nach weiteren Neuankömmlingen. Ob ich welche davon kenne und wisse wie sie heißen? Nein, noch nie gesehen. Und schon haben sie mein Fernglas entdeckt und versuchen nun die Namen der anderen beiden Schiffe herauszufinden. Ob sie mein Funkgerät benützen dürften? Na klar, aber sie haben offensichtlich keine Ahnung vom Funken und erhalten auch keine Antwort. Der Beamte hatte nämlich vergessen die PPT (Sprechtaste) zu drücken und konnte somit nicht gehört werden. Sie entdecken das Schiffshorn und tuten nun die anderen Schiffe an. Sie haben jede Menge Spaß dabei und kugeln sich vor Lachen. Leider verstehe ich sie nicht, da sie unter sich Samoanisch sprechen.  Ich bin gerade mit dem ganzen Formularkram fertig da kommt die Nachbarfamilie mit dem Beiboot zurück. Sie würden nun in die Stadt fahren – letzte Gelegenheit für die Beamten wieder an Land zu kommen wenn ich sie nicht einzeln in meinem Miniboot hinüberkarren will. Also drängeln wir dass sie nun ins mit 5 Personen sichtlich bereits volle Beiboot steigen sollen. Der erste steigt ein, der zweite zögert. Das geht schon ruft der Skipper und das Boot sinkt tiefer und tiefer ins Wasser ein. Die Kinder rücken näher zusammen und sitzen auf  dem Bug. Der 3. Beamte will lieber von mir mit meinem kleinen Boot an Land gebracht werden, aber wir bestehen darauf dass auch er zu den anderen ins große Beiboot steigt. Das wäre ein Härtetest fürs Beiboot lacht der Skipper und als es beladen mit 5 Erwachsenen (entspricht massemäßig 7 europäischen Erwachsenen) und 3 bereits großen Kindern davontuckert sieht es wirklich bedrohlich am Limit aus.

Ich muss nun noch zur Immigration und mach mich auf den Weg. Das Büro ist zum Brechen voll. Fast alle Stühle (ca 30) sind von Wartenden besetzt. Ich melde mich an der Theke an. Ich solle Platz nehmen und warten und das tue ich nun bereits 1 Stunde lang. Menschen kommen und gehen, die Beamten sind schwer beschäftigt. Ich nutze eine kurze Pause und stell mich wieder an die Theke und frage ob ich evtl. bereits die Formulare bekommen könne um sie auszufüllen bis ich an der Reihe bin. Ja, sie würde mir die Formulare bringen, ich solle solange wieder Platz nehmen und da sitze ich nun bereits wieder seit 30 Min. Eine Samoanerin setzt sich neben mich und wir plaudern ein wenig. Ich solle mich wieder anstellen und fragen, aber ich finde das unhöflich wurde ich doch bereits 2x zum Warten aufgefordert. Aber sie besteht darauf und ich stell mich wieder an die Theke. Diesmal kommt eine andere Beamtin, sie bittet mich in ein Hinterzimmer in dem ich alle Formulare überreicht bekomme, mein Ausweis gestempelt wird und ich sogar bereits die Formulare zum Ausklarieren überreicht bekomme. Es ist inzwischen früher Nachmittag und das Einklarieren ging diesmal (für Samoanische Verhältnisse) sehr schnell. Nun bin ich nicht nur gefühlt, sondern auch offiziell angekommen in Samoa. Ab jetzt darf ich mich in Samoa frei bewegen und mein erster Weg führt mich direkt zum Fischmarkt zur langersehnten Portion Fisch & Chips denn mein Magen knurrt bereits seit einiger Zeit lautstark.

2019  Unter weißen Segeln um die Welt   globbers joomla templates